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Wenn es Gefängnisseelsorge nicht gäbe, müsste man sie erfinden

8. Mai 2026

Justizvollzugsanstalten versuchen, durch lückenlose Kamerabeobachtung jeden Winkel im Blick zu behalten. Zwischen notwendiger Sicherheit und Disziplin wird eines zu einem besonders hohen Gut: menschlicher Freiraum. Das nimmt die Jahrestagung der „Evangelischen Konferenz für Gefängnisseelsorge in Deutschland“ in den Blick, die im hessischen Hünfeld im St. Bonifatiuskloster tagte.

Nichts wird weiter erzählt

Menschlicher Freiraum ist in Justizvollzugsanstalten kaum zu finden. Kameras und lückenlose Überwachung lassen wenig Raum für Privatsphäre. Ob im Gottesdienst, in kreativen Projekten oder im Vier-Augen-Gespräch – das Angebot ist eine Einladung zur Selbstbestimmung innerhalb der Unfreiheit. „Das Seelsorgegeheimnis hat einen besonderen Stellenwert für Gefangene. Sie können mit uns SeelsorgerInnen über alles sprechen – Sorgen, Nöte, Anfeindung, das Gerichtsverfahren, Schuldgefühle. Denn sie können sicher sein, dass wir nichts weitererzählen“, erklärt Johannes Blum-Seebach, Gefängnispfarrer der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau (EKHN) in Gießen und stellvertretender Vorsitzender der hessischen Regionalkonferenz der Gefängnisseelsorge. „Auch der Gottesdienst ist ein Freiraum, weil er einen Raum bietet, wo sie das, was sie beschäftigt, vor Gott bringen können.“

Der neue gewählte Vorstand der Evangelischen Konferenz für Gefängnisseelsorge in Deutschland: v.l.n.r. Schatzmeister Jan Teichert (JVA Torgau), Stellvertretung Julia Held ( JVA Butzbach), Vorsitzender Carsten Schraml (JVA Rheinbach), Stellvertretung Andreas Leipold (JVA Hünfeld) und die Schriftführerin Larissa Hachmann-Figgen (JVK Fröndenberg und JVA Hamm).

Seelsorgerliche Freiräume als Ventil

Zum Seelsorgeangebot in Gefängnissen gehörten verschiedene Angebote wie Gesprächsgruppen und Kunst- oder Theaterprojekte. Diese Freiräume dienten oft als wertvolles Ventil innerhalb der Anstaltsmauern. Die Seelsorge verstehe sich dabei als Akteur, der zwar im System arbeitet, aber nicht Teil davon ist, erläutert Blum-Seebach. Unter dem Motto „In meinem Gefängnis bin ich selbst der Direktor“ kamen 60 GefängnisseelsorgerInnen aus ganz Deutschland in Hünfeld zur 77. Jahrestagung der evangelischen Konferenz für Gefängnisseelsorge zusammen. Die Tagung wird unterstützt von der EKHN sowie der Evangelischen Kirche in Kurhessen-Waldeck (EKKW). In Referaten und Workshops gehen die Teilnehmenden der Frage nach, wie „Spiel-Räume“ und „Frei-Räume“ auch unter dem Druck zunehmender Überwachung gewahrt werden können.

Maßgeblich für internen Frieden der Haftanstalten

„Viele Gefangene merken im Gefängnis, dass etwas schief gelaufen ist in ihrem Leben. Die Seelsorge bietet ihnen Gespräche an, um darüber nachzudenken, wie es dazu kam und wie sie nach vorne blicken können. Viele merken erst hier und im Rahmen unserer seelsorgerlichen Angebote, was ihnen wirklich wichtig ist im Leben: ihre Familie, Partner oder Kinder“, so Blum-Seebach. Doch die Seelsorge sei nicht nur für Inhaftierte eine Stütze, fährt Blum-Seebach fort. Auch für die Bediensteten der Haftanstalten seien die Seelsorger*innen wichtige Ansprechpersonen, und sie trügen durch ihre Präsenz – auch in Krisenzeiten wie der Pandemie – maßgeblich zum internen Frieden der Anstalten bei. „Mein Anstaltsleiter hat mir mal gesagt: Wenn es die Seelsorge nicht gäbe, müsste man sie erfinden“, fasst er zusammen.

Hühnfeld / Redaktion ekkw.de

 

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