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„Das ist so eine Sache mit dem inneren Gefängnisdirektor…“

7. Mai 2026

Als ich den Koffer packte, um ins hessische Bonifatiuskloster Hünfeld zur Konferenz der Evangelischen Gefängnisseelsorge in Deutschland zu fahren, sagte mein wachsamer innerer Gefängnisdirektor: „Willst du nicht mindestens ein Sakko einpacken für die Veranstaltung?“ Ich sagte ihm: „Nein, nicht nötig, ich trete in ganz normaler Sweatshirt-Kleidung auf.“ Wer, glauben Sie wohl, hat diesen Dialog gewonnen?

Die christliche Botschaft spricht davon, dass „alle Menschen zur Freiheit berufen sind“. Dabei nicht zu vergessen, dass ein „innerer Gefängnisdirektor“ eine mögliche Metapher unserer aller innerer Gefängnisse sein könnte, in denen der eigene Direktor aus lauter Pflichtbewusstsein oder anderer Motive keine wirkliche Freiheit zulassen kann.

„Du bist wohl Dein eigener Gefängnisdirektor“, sagt eine Freundin zu mir, als ich ihr erzähle, wieviel ich arbeite. Ich würde mir selber zu viel Druck machen, meint sie. Mit dem eigenen Direktor im Nacken kann man nicht unbedingt frei sein. Sind es die inneren Kontrollinstanzen und damit die eigenen Ansprüche an sich selbst, die „Druck“ machen? Da kann ich viele Geschichten erzählen, von mir selbst und von Menschen, die sich solch einem selbst auferlegten Druck aussetzen. „Mal-kurz-noch-die-Welt-retten“, kaum oder nie Urlaub machen, Überstunden absolvieren der guten Sache willen oder zu viele Ungerechtigkeiten aushalten, so dass man krank wird. Der eigene Gefängnisdirektor kann durchaus mehr Druck ausüben als ein Anstaltsleiter.

„Sein eigener Direktor sein“ könnte Mut machen, neue und andere Dinge auszuprobieren. Gefängnisseelsorge hat viele Möglichkeiten, Freiräume hinter Gittern sichtbar zu machen. Und dies sowohl für Gefangene als auch für Bedienstete. Da lernt ein junger Gefangener in der Musikband Klavier spielen, obwohl er keine Noten lesen kann. In einem Väterseminar lernt ein Gefangener, die Beziehung zu seiner Freundin zu klären. Da bittet ein Bediensteter um Beistand in einer prekären dienstrechtlich-relevanten Sache. Sind das nur Tropfen auf dem heißen Stein der Gefängnisseelsorge angesichts der Sicherheitsvorkehrungen und des Mangels, sich selbst zu entdecken hinter Mauern? Es sind Frei-Räume, die einerseits etwas ermöglichen, aber die ebenso von den Inhaftierten subversiv (aus)genutzt werden können. Ein Gefangener hat beispielsweise ein Smartphone über den Besuch reinbringen lassen und diese neue Freiheit im Haftraum erst einmal unerlaubter Weise genießen können.

„Direktor“ zu sein hat mit „Macht“ zu tun. Wie gehe ich damit um? Welche Art Macht kann ich einsetzen, angesichts der Vorgaben und Reglementierungen? Da gibt es sehr große Unterschiede, wenn es um Macht-Ausübung geht! Ein Jugendrichter beispielsweise machte in Sachsen-Anhalt seinen Job. Er ging aber freier im Vollzug mit den Inhaftierten in den Dialog, indem er einmal im Jahr in einem Haftraum dort übernachtete. Und das zum Leidwesen des dortigen Anstaltsleiters. Der kam unter Druck, die Abteilung auf Hochglanz bringen zu lassen.

NeueinsteigerInnen in der Gefängnisseelsorge mit einem der Koordinatoren der evangelischen Bundeskonferenz im bessischen Hünfeld, Andreas Leipold, der mit seinem Smartphone beschäftigt ist…

Die ehemalige Direktorenvilla der ostwestfälischen Justizvollzugsanstalt Herford.

Ein Beispiel ambivalenter Machtausübung beschreibt der Schauspieler Edgar Selge in seinem Buch mit dem Titel „Hast Du uns endlich gefunden“. Sein Vater war Gefängnisdirektor in den Nachkriegsjahren des Jugendgefängnisses in den 60 er Jahre im ostwestfälischen Herford. Der JVA, in der ich heute arbeite. Der Vater Selge wurde wegen Bevorzugung inhaftierter deutscher Kriegsverbrecher nach Herford strafversetzt. Der Gefängnisdirektor ermöglichte Freiräume in seiner Anstaltsleiter-Villa. In diesem Haus vor der Mauer veranstaltete er regelmäßige Kammerkonzerte für die Gefangenen. Der musikalisch beseelte Vater glaubt an das überwiegend gute Potenzial seiner jugendlichen Schützlinge und vertraut auf die Möglichkeiten der Resozialisierung, für die er auch auf höherer Ebene kämpft. Auf der anderen Seite erlebt der junge Selge einen autoritären herrschsüchtiger Vater. Der dienstlich einerseits „zu milde“ Jurist übt gegenüber seinen Söhnen aber regelmäßig Gewalt durch Schläge aus. Hier wird die Unterschiedlichkeit der Machtausübung deutlich. Sein eigener innerer Gefängnisdirektor ließ ihn die Söhne schlagen. Gegenüber den Gefangenen war er anders eingestellt.

Gefängnisdirektoren innerhalb der Katholischen Kirche

Aufgrund von Weihe sind manche kirchliche Gefängnisdirektoren scheinbar noch spezieller autorisiert. Als Gefängnis- Seelsorger fühle ich mich manchmal gefangen in kirchlichen Lehrmeinungen und Widersprüchlichkeiten. Katholisch sein: einerseits werden neue Wege in Verkündigung und Liturgie gegangen, Menschen in ihrer Lebensweise gewürdigt – gemäß des Evangeliums – und zugleich wird dieser Aufbruch von alten Denkmustern und inneren und äußeren Gefängnisdirektoren begleitet. In Extremen zu denken ist nicht konstruktiv. Es geht eher um ein „sowohl-als-auch“. Deshalb denke ich, es lohnt sich in jedem System, sich für Freiräume einzusetzen.

Der ehemalige Priester und Schweizer Autor Pierre Stutz spricht in seinem Buch „geborgen und frei“ von religiös-erwachsenen Menschen. Sie sind „nicht fixiert auf Autoritäten“ und Gefängnisdirektoren. „Sie nehmen ihr Leben bewusst in die Hand. Sie verlassen die Opferrolle, weil sie wissen, dass sie die anderen und die Welt nicht ändern können. Darum suchen sie zuerst in sich selber Zugänge zu dem, was lähmt und empört, um sich konstruktiv-kritisch für eine Veränderung einsetzen zu können.“ Das ist die Art von Freiheit, die ich uns allen wünsche – mit und trotz allen inneren Gefängnisdirektoren.

Michael King | Grußwort Hünfeld, 7. Mai 2026
Evangelische Konferenz für Gefängnisseelsorge in Deutschland

 

1 Rückmeldung

  1. Andreas Bär sagt:

    Ich finde, in diesem Grußwort findet sich die Ambivalenz, die wir oft unbewusst in uns tragen.
    Jetzt bin ich mal gespannt, ob dieses Grußwort aus einem Sakko oder aus einem Sweatshirt gesprochen wurde…

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