Vor 20 Jahren gründete die Kirchengemeinde in Halle/Saale auf der Silberhöhe den Mittagstisch. Hier sollten von Armut betroffene Menschen für einen Euro ein Mittagessen bekommen. In diesem Stadtteil von Halle mit den DDR-typischen Plattenbauten lebten in jenen Jahren fast ausschließlich Menschen, die nach der Wende keine Arbeit mehr gefunden hatten und auf staatliche Unterstützung angewiesen waren. Damals war ich Pfarrer der dortigen Kirchengemeinde und wohnte am Rande der Silberhöhe.
Die meisten Katholikinnen und Katholiken waren wie auch andere, die es sich leisten konnten, längst weggezogen aus diesem Stadtteil. Leider waren damit innerhalb der Kirche auch die Besorgnisse und Ängste derer nicht mehr im Blick, die als die Verlierer der Wende galten: Menschen, die sich mit ihrer Lebensleistung nicht gewürdigt und gesellschaftlich an den Rand gedrängt sahen, sie wurden „Hartz4-Empfänger“ genannt und so in eine vereinsamende Opferhaltung gedrängt.
Heilsam gegen Spaltung
Für mich war immer klar, dass wir nie nur Kirche sind für die eigenen Mitglieder, sondern immer für alle, die vor Ort leben. Also wurde ich Mitglied in der Silberhöher Bürgerinitiative, einer sehr kreativen Runde von Bürger*innen, die sich um bessere Lebensverhältnisse in ihrem Stadtteil mühten. Dort lernte ich Jürgen kennen. Zu DDR-Zeiten war er Lehrer für Marxismus und Leninismus, nach der Wende war er mit seinem Beruf nicht mehr zu gebrauchen. Jürgen spielte gern Schach und kochte gut. Und er stritt politisch für einen gerechten Sozialismus. Ich war Pfarrer und wusste aus dem Evangelium Jesu Christi, dass das Teilen des Brotes das zentrale Zeichen der Gegenwart Gottes in dieser Welt ist. Also taten wir beide uns zusammen und gründeten den Mittagstisch. Menschen müssen zusammenkommen, miteinander essen und ihre Geschichten teilen – das stillt die Sehnsucht nach Aufgehobensein und ist heilsam in einer Welt voller Abgrenzung und Spaltung.
Wohlgefällige Selbstversorgung
Und das Beste war: diejenigen, die eigentlich nichts hatten und deswegen als Opfer des Systems galten, wurden kreativ und gaben viel: ihre Kochkunst und Gastfreundlichkeit, ihre Bereitschaft abzuwaschen und aufzuräumen, ihren Mut, sich ins Gespräch zu bringen, sogar Komplimente zu geben und Danke sagen zu können, miteinander Schach zu spielen, ihre Sorge umeinander und die Fähigkeit, mal selbst die Klappe zu halten und zuzuhören. Neue Freundschaften entstanden. Wir haben viel Freude und viel Leid miteinander geteilt. Einige aus der Bürgerinitiative ließen sich sogar taufen, sie glaubten, dass Jesus auch von ihnen begeistert gewesen wäre. Leider fanden sie mit ihrer Art zu leben auf Dauer in der katholischen Gemeinde vor Ort kein zuhause. Das war für mich eine der schmerzlichsten Erfahrungen jener Zeit: zu erleben, wie sehr sich eine Kirchengemeinde in wohlgefälliger Selbstversorgung abschotten kann vor der Wirklichkeit der Welt um sie herum.
Festgewordene Glaubenssätze überwinden
„Habt ihr nicht etwas zu essen?“, fragt Jesus im Evangelium des Sonntags die Menschen, die soeben erfolglos vom Fischen zurückgekehrt sind. Und als sie das verneinen, fordert er sie auf, nochmal aufzubrechen und eine neue Perspektive einzunehmen: werft die Netze auf der anderen Seite aus. Dann plötzlich fangen sie viel und beginnen beim gemeinsamen Mahl alles zu teilen. Dabei erkennen sie den auferstandenen Jesus. Hinein in die Vergeblichkeit des eigenen Tuns kommt die Ermutigung, die Perspektive zu wechseln, voller Zutrauen, dass viel möglich ist, wo immer wir beginnen zu teilen. In dieser Ermutigung erkannten Menschen den auferstandenen Jesus damals am See Genezareth, vor 20 Jahren auf der Silberhöhe in Halle/Saale und überall und zu allen Zeiten bis heute. Vielleicht müssen wir wie Petrus die sicheren Planken des eigenen Bootes verlassen und festgewordene Glaubenssätze überwinden, um wirklich neu aufeinander zugehen zu können. Im Teilen dessen, wovon wir leben, im Teilen unserer Hoffnungen und Ängste, erkennen wir Verbundenheit, Verständigung wird möglich und Ausgrenzung überwunden. Nur Mut, es ist mehr mit uns Menschen anzufangen, als wir glauben!
Christoph Kunz | Johannes 21, 1-14





