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Jüdische Häftlinge im ehemaligen Zuchthaus Herford (Teil V)

17. April 2026

Das Zuchthaus Herford und seine Häftlinge 1934-1939 (Folge 35).

Die jüdischen Häftlinge stellten in den Strafanstalten des „Dritten Reiches“ eine kleine Minderheit dar. Das galt natürlich auch für die Häftlingsgesellschaft des Zuchthauses Herford. Von den mittlerweile ermittelten 740 Häftlingen dieser Anstalt waren nach derzeitigem Forschungsstand 41 jüdische Häftlinge.

Einladung an kath. Strafanstaltspfarrer 1933 mit dem Thema „politischer“ Gefangener. Archiv: Bistum Fulda

Wahrscheinlich war aber ihr Anteil an der Gesamtzahl der zwischen 1934 bis 1939 im Zuchthaus Herford einsitzenden Strafhäftlinge erheblich kleiner, als die genannten Zahlen vermuten lassen, da im genannten Zeitraum vermutlich insgesamt mehrere Tausend Häftlinge dort inhaftiert waren. Von den bisher ermittelten 41 jüdischen Strafhäftlingen überlebten nur neun das „Dritte Reich”; in drei weiteren Fällen ist ihr Schicksal unbekannt. Auf drei der jüdischen Herford-Häftlinge, die den Krieg nicht überlebten, soll im Folgenden näher eingegangen werden.

Julius Marx

Im „Wuppertaler Gedenkbuch” ist eine online einsehbare biographische Skizze von Julius Marx, einem jüdischen Chemiker aus Wuppertal, veröffentlicht worden, der folgender Auszug entnommen ist:

„Julius Marx wurde am 9. Oktober 1893 als Kind der Eheleute Joseph und Sara Marx, geb. Berg, in Bendorf im Kreis Koblenz geboren. Seine Großeltern väterlicherseits waren Moses und Regina Marx, gen. Wolf. Julius’ älterer Bruder Max war zwei Jahre zuvor ebenfalls in Bendorf geboren, sein jüngerer Bruder Simon Josef kam in Solingen zur Welt, wohin die ganze Familie gezogen war. Als die Brüder noch klein waren, 1899, starb die Mutter Sara. Sie wurde auf dem jüdischen Friedhof am Estherweg bestattet. Vermutlich nach dem Tod seiner Frau zog Josef Marx mit seinen drei kleinen Söhnen nach Elberfeld und betrieb dort eine Bäckerei […].

Julius Marx nahm als Freiwilliger am Ersten Weltkrieg teil und wurde nach einer Verletzung mit dem Verwundetenabzeichen geehrt. Während sein Bruder Max Schneider wurde und Simon das väterliche Handwerk des Bäckers erlernte, studierte Julius Chemie. In der Zeit des Nationalsozialismus erlitt die Familie die üblichen antijüdischen Schikanen. Im nationalsozialistischen ‚Boykottheft’ von 1935 wurde Josefs Bäckerei aufgeführt und ebenfalls der Name seines Sohnes Julius mit dessen Berufsbezeichnung ‚Chemiker’ und der Adresse Schubertstraße 6 in Heckinghausen (S. 18).”

Wie eine über Julius Marx angelegte und im Landesarchiv NRW in Duisburg archivierte Häftlingskarteikarte des Zuchthauses Remscheid-Lüttringhausen belegt, wurde dieser am 4. November 1937 in Wuppertal-Elberfeld wegen „Rassenschande” zu einer Zuchthausstrafe von zwei Jahren (unter Anrechnung von 106 Tagen und 50 Minuten Untersuchungshaft) und außerdem zu fünf Jahren Ehrverlust verurteilt; als geplantes Strafende wurde der 21. Juli 1939 bestimmt. Wann Julius Marx zwecks Strafverbüßung zum Zuchthaus Herford überführt wurde, konnte bisher noch nicht geklärt werden. Wie seiner Häftlingskarteikarte jedoch zu entnehmen ist, gehörte auch er zu denjenigen Häftlingen, die wegen der im Sommer 1939 bevorstehenden Umwandlung des Zuchthauses Herford in ein Jugendgefängnis am 20. Juni 1939 in das Zuchthaus Remscheid-Lüttringhausen eingeliefert wurden. Wenige Wochen später, am 21. Juli 1939 wurde Marx von dort nach Wuppertal entlassen. Noch im selben Jahr heiratete er die Jüdin Hanna Glasenapp.

Dem „Wuppertaler Gedenkbuch” zufolge wurden Julius Marx, seine Ehefrau Hanna sowie seine Schwägerin Käte am 26. Oktober 1941 in das Ghetto Litzmannstadt (Lodz) überführt, wo sie mit weiteren Deportierten in die Kollektivunterkunft Fischstraße 21, Zimmer 11, eingewiesen wurden. Im Ghetto musste Julius Marx sein Arbeitsbuch mit der Nummer 198/179050 abgeben. Am 9. Mai 1942 versuchte er, seine „Ausreiseaufforderung” mit dem Hinweis auf seine Kriegsverdienste und seine Arbeitsstelle zurückstellen zu lassen, was jedoch letztlich erfolglos blieb. Und weiter heißt es im „Wuppertaler Gedenkbuch”:

„Am 12. Mai 1942 erhielt er keine Lebensmittelrationen mehr und wurde am selben Tag zusammen mit seiner Frau und seiner Schwägerin Käte Glasenapp mit dem IX. Transport aus dem Ghetto von Lodz in die Vernichtungsstätte Chelmno gebracht und dort am 13. Mai 1942 ermordet. […]”

Auch die drei Brüder und der Vater von Julius Marx wurden Opfer des Holocaust: Simon Josef Marx, der am 8. Mai 1942 verhaftet und zunächst in das Polizeigefängnis Wuppertal eingeliefert worden war, wurde am 26. Oktober 1942 in das Konzentrationslager Mauthausen überführt, wo er schon am 8. November 1942 umkam. Max Marx, 1939 wegen „Rassenschande” zu einer Haftstrafe verurteilt, wurde später in das Konzentrationslager Groß-Rosen deportiert, wo er am 10. Dezember 1941 umkam. Das „Denkmal der Namen für die Wuppertaler Opfer des Nationalsozialismus”, das sich in Wuppertal-Elberfeld befindet, erinnert unter anderem auch an Julius Marx (13.05.1942 Kulmhof/Chelmno), Hanna Marx (13.05.1942 Kulmhof/Chelmno), Josef Marx (30.12.1943 Auschwitz) und Max Marx (10.12.1941 KZ Groß-Rosen).

Eugen David Marcus

Eugen David Marcus wurde als Sohn des Reisenden Max Marcus und dessen Ehefrau Elise Marcus, geb. Oppenheimer, am 20. September 1902 in Essen geboren. Wie seine Eltern gehörte auch er der jüdischen Religionsgemeinschaft an. Einige Zeit nach der Geburt von Eugen Marcus’ Bruder Alfred Jonas (am 14. Juli 1904 in Essen) zog die Familie aus Essen fort. Weder Eugen David Marcus, noch sein ebenfalls in Essen geborener Bruder Alfred Jonas Marcus und auch nicht die Eltern von beiden, werden in dem „Namentlichen Verzeichnis Essener Juden, zusammengestellt nach den Akten des Wiedergutmachungsamtes Essen” erwähnt. Marcus, der auch im „Wuppertaler Gedenkbuch” erfasst ist, war von Beruf Kaufmann bzw. Tuchhändler und wohnte zuletzt in Wuppertal-Elberfeld. In der vermutlich Ende 1935 von der NSDAP-Kreisleitung Wuppertal, Amt Handwerk und Handel, „nur für den Dienstgebrauch” herausgegebenen Boykott-Broschüre „Juden in Wuppertal, Solingen, Remscheid, Mettmann, Lennep, Heiligenhaus, Langenberg, Velbert, Wülfrath, Neviges”, einem Verzeichnis jüdischer Geschäfte, Kaufleute, Ärzte und Rechtsanwälte in den genannten Städten, wurde auch Eugen Marcus erwähnt bzw. diskriminiert.

Eugen Marcus, der ledig war, wurde am 20. Oktober 1937 in das Straf- und Gerichtsgefängnis Wuppertal eingeliefert. Wegen „Rassenschande” wurde er einige Zeit später zu einer Zuchthausstrafe von zwei Jahren verurteilt. Am 21. März 1938 wurde er vom Gefängnis Wuppertal-Elberfeld aus zwecks Strafverbüßung zum Zuchthaus Münster überführt; von dort wurde er zum Zuchthaus Herford überstellt. Wann er dort eingeliefert wurde, und wie lange er dort inhaftiert war, konnte bis jetzt noch nicht ermittelt werden. Vermutlich nach seiner Strafverbüßung wurde er in das Konzentrationslager Sachsenhausen deportiert, wobei der Tag seiner dortigen Einlieferung bis jetzt unbekannt ist. Im KZ Sachsenhausen erhielt er die Häftlingsnummer 9890 und wurde im Häftlingsblock 45 untergebracht. Am 13. April 1940, um 8.30 Uhr, kam Eugen David Marcus dort um; als offizielle Todesursache wurde eine „Zellgewebsentzündung am linken Bein” angegeben.

Mahn- und Gedenkstätte Sachsenhausen in Oranienburg bei Berlin.

Heinrich Blum

Der Sattler Heinrich Blum, der am 16. Februar 1906 in Idstein im Taunus geboren wurde, wohnte in Essen und gehörte der jüdischen Konfession an. Lt. Heiratsbuch des Standesamts Essen war er ab 1936 (?) mit der Jüdin Malwine Blum, geb. Hehs (Hess), verheiratet. Obwohl er mehreren unterschiedlichen Quellen zufolge in Essen wohnhaft war, wird er in dem „Namentlichen Verzeichnis Essener Juden, zusammengestellt nach den Akten des Wiedergutmachungsamtes Essen” nicht erwähnt. Über Heinrich Blum konnten bis jetzt nur wenige Quellen ermittelt werden, sodass noch ungeklärt ist, wann er festgenommen und verurteilt wurde, wie hoch seine gegen ihn verhängte Freiheitsstrafe war, wann er erstmals in das Zuchthaus Herford eingeliefert wurde und wann er von dort entlassen wurde. Selbst über seine Straftat liegen unterschiedliche Angaben vor: Der über ihn in der Untersuchungshaftanstalt Essen angelegten Häftlingskarteikarte zufolge war er wegen eines „Heimtückvergehens” inhaftiert worden, das heißt, er könnte sich „staatsfeindlich” geäußert haben. Nach Auskunft des Archivs der Gedenkstätte Sachsenhausen hingegen war er als „Rassenschänder” in das KZ Sachsenhausen eingeliefert worden. Belegt ist aber, dass Heinrich Blum von Herford kommend, am 29. Juli 1938 (?) in die Untersuchungshaftanstalt Essen eingeliefert wurde, wie seiner dort über ihn angelegten Häftlingskarteikarte zu entnehmen ist. Am 8. August 1938 wurde er von Essen aus wieder zum Zuchthaus Herford überführt.

Mit der „Zweiten Verordnung zur Durchführung des Gesetzes über die Änderung von Familiennamen und Vornamen” vom 17. August 1938 wurden alle Juden im Deutschen Reich gezwungen, ihre Namen zu ändern: Männer mussten nun den zusätzlichen Vornamen „Israel” und Frauen den Vornamen „Sara” tragen. Das galt natürlich auch für Heinrich Blum und seine Ehefrau. Mitarbeiter des Standesamts Essen nahmen am 22. März 1939 bzw. am 19. Januar 1939 entsprechende Eintragungen im Heiratsbuch des Standesamts Essen vor. Ob sich Blum zu diesem Zeitpunkt in Freiheit befand, weil er zwischenzeitlich seine Strafe verbüßt hatte und deshalb entlassen worden war oder ob er noch Insasse einer Strafanstalt war, ist noch unklar. Dokumentiert ist aber, dass er am 29. Juni 1940 als „Rassenschänder” in das Konzentrationslager Sachsenhausen eingeliefert wurde, wo er die Häftlingsnummer 26185 erhielt und im Häftlingsblock 36 untergebracht wurde.

Die dortige „Schutzhaft” überlebte er nur wenige Tage: Laut schriftlicher Anzeige des Lagerkommandanten des KZ Sachsenhausen starb Heinrich Blum am 6. Juli 1940 gegen 4.45 Uhr im KZ Sachsenhausen; offizielle Todesursache: „Freitod durch Erhängen”. Einer nach dem Krieg erstellten Namensliste über Ausländer, die im Zeitraum vom 2. April 1940 bis zum 25. Juni 1941 auf dem Friedhof Berlin-Altglienicke (Johannisthal) beerdigt wurden, zufolge wurde Blum am 9. Juli 1940 in Sachsenhausen eingeäschert und seine Urne auf der Grabstelle 285 beigesetzt. Nach einer anderen Quelle wurde seine Urne im Urnensammelgrab 265 beigesetzt. Heinrich Blum wird sowohl im Online-Gedenkbuch des Bundesarchivs „Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland 1933 – 1945” erwähnt, als auch im online einsehbaren „Totenbuch KZ Sachsenhausen 1936 – 1945”.


Quellen und Literatur

Arolsen Archives, Online-Archiv: Verschiedene Dokumente
Föhse, Ulrich: Erst Mensch, dann Untermensch. Der Weg der jüdischen Wuppertaler in den Holocaust, in: Wuppertal in der Zeit des Nationalsozialismus, hrsg. von Klaus Göbel, Wuppertal 1984, 2. Auflage
Gedenkstätte und Museum Sachsenhausen, Oranienburg: Auskunft zu ehemaligen Häftlingen des KZ Sachsenhausen (Heinrich Blum und Eugen Marcus) vom 29.9.2025
Haus der Essener Geschichte / Stadtarchiv: Schriftliche Auskünfte vom 14.10.2025 und 12.1.2026
Jakobs, Hildegard: Im Ghetto Litzmannstadt (Łódź). 1.003 Biografien der am 27. Oktober 1941 aus Düsseldorf Deportierten, in Zusammenarbeit mit Angela Genger, Immo Schatzschneider und Markus Roos, hg. vom Förderkreis der Mahn- und Gedenkstätte Düsseldorf e.V., Essen 2011
Juden in Wuppertal, Solingen, Remscheid, Mettmann, Lennep, Heiligenhaus, Langenberg, Velbert, Wülfrath, Neviges, hrsg. von der NSDAP., Kreisleitung Wuppertal, Amt Handwerk und Handel, o. O. u. J. (um 1935)

Landesarchiv NRW Abteilung Rheinland, Duisburg: Gefangenenkarteikarte der Haftanstalt Remscheid Lüttringhausen für Julius Marx (Gerichte Rep. 0331 Nr. 5)
Schröter, Hermann: Geschichte und Schicksal der Essener Juden. Gedenkbuch für die jüdischen Mitbürger der Stadt Essen, hrsg. von der Stadt Essen, Essen 1980
Bundeszentrale für Politische Bildung | Bundesarchiv
Wuppertaler Gedenkbuch:
Marcus, Marx, Simon Josef Marx
Mauthausen | KZ Sachsenhausen

Thematischer Überblick zur gesamten Artikelserie

 

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