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Vom abgelehnten Praktikanten zum Anstaltsleiter der JVA Detmold

14. April 2026

Gero Berkemeier ist neuer Leiter der Justizvollzugsanstalt Detmold. Er folgt auf Oliver Burlage, der seit Oktober 2025 die Leitung der JVA Bielefeld-Brackwede innehat. Berkemeier trat 2017 in den nordrhein-westfälischen Vollzugs- und Verwaltungsdienst ein und war in den Justizvollzugsanstalten Bielefeld-Brackwede, Bielefeld-Senne und Werl tätig. Von August 2020 bis September 2021 sammelte er Erfahrungen im Personalreferat des Ministeriums der Justiz. In seiner Antrittsrede betont Berkemeier, dass der Justizvollzug ein Prüfstein der Demokratie ist.

Endlich hat es geklappt! Dies bitte ich nicht als Anspielung auf die Dauer des Besetzungsverfahrens zu verstehen. Was viele von Ihnen aber nicht wissen ist, dass ich bereits vor vielen Jahren versucht habe, in der JVA Detmold unterzukommen. Im Jahr 2009 befand ich mich im Auslandssemester in Paris und suchte nach einem Platz für das noch zu absolvierende Verwaltungspraktikum, welches ich für die Zeit nach meiner Rückkehr nach Deutschland geplant hatte. Die Suche verlief zunächst jedoch erfolglos. So erhielt ich am 30. November 2009 eine Absage.

Auch von den übrigen Anstalten in Ostwestfalen erhielt ich Absagen bzw. gar keine Rückmeldung. „Vom abgelehnten Praktikanten zum Anstaltsleiter“ – diese Schlagzeile ist dank nachbarschaftlicher Hilfe aus Niedersachen glücklicherweise dennoch möglich geworden. Ich erhielt eine Praktikumszusage der JVA Lingen, in der ich Anfang 2010 die Vielfalt des Vollzuges kennengelernt habe. Insbesondere das interdisziplinäre Arbeiten und die in Lingen vereinten Vollzugsformen (geschlossener Vollzug, offener Vollzug, Strafhaft, U-Haft, Justizvollzugskrankenhaus) haben bei mir nachhaltig Eindruck hinterlassen. Nach Absolvierung des zweiten Staatsexamens und dem Umweg über das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge bin ich letztlich im August 2017 im Justizvollzug in Nordrhein-Westfalen gelandet. Nach dem Einstieg wurde ich oft gefragt, warum ich mich als Jurist ausgerechnet für den Vollzug entschieden habe. In der Wahrnehmung der breiten Mehrheit gibt es nur die Berufe des Richters, des Staatsanwalts oder des Rechtsanwalts. Durch mein Verwaltungspraktikum ist mir jedoch früh bewusst geworden, wie sinnstiftend und bedeutsam die Tätigkeit im Vollzug ist.

In Zeiten, in denen autoritäre Strukturen weltweit auf dem Vormarsch sind, aber auch in Deutschland ein zunehmender Rechtsruck wahrzunehmen ist, müssen wir mit Blick auf die Bedeutsamkeit der vollzuglichen Tätigkeit aber auch über die Demokratie sprechen. Beim Stichwort Demokratie kommen einem häufig Begriffe wie Wahlen, Parlamente, freie Meinungsäußerung, Mitbestimmung und Freiheit in den Sinn. Mindestens ebenso wichtig ist aber auch der funktionierende Rechtsstaat. In dem Zusammenhang bleibt häufig im Verborgenen: der Justizvollzug. Dabei ist der Vollzug kein bloßes Randthema des Rechtsstaats, sondern vielmehr einer der Prüfsteine unserer Demokratie. Der Rechtsstaat wäre zahnlos ohne den Vollzug. Gesetze verlören an Autorität. Das Vertrauen in die Justiz und den demokratischen Rechtsstaat würde schwinden. Justizvollzugsanstalten garantieren, dass das Recht nicht nur formuliert, sondern auch wirksam durchgesetzt werden kann. Der Rechtsstaat zeigt seine Stärke nicht im Umgang mit den Starken und Erfolgreichen, sondern darin, wie er mit Schwachen, Schuldigen und Gescheiterten verfährt.

Der Freiheitsentzug stellt die schwerste Strafe dar, die in unserem Land verhängt werden kann. Gerade deshalb unterliegt er klaren Regeln, rechtsstaatlicher Kontrolle und dem Schutz der Menschenwürde. Artikel 1 Grundgesetz gilt auch hinter Gittern fort. Der Mensch hat zwar die Freiheit verloren, nicht aber seine Würde und seine Grundrechte. Im Vollzug vorgehaltene Angebote wie Bildung, Ausbildung, therapeutische Angebote und soziale Hilfe sind daher nicht nur „nice to have“. Sie sind Kernbestandteile eines auf Resozialisierung ausgerichteten demokratischen Strafvollzuges. Resozialisierung ist gelebte Zukunftssicherung. Sie dient nicht nur der Stärkung des Einzelnen, sondern der gesamten Gesellschaft. Demokratie misst sich auch am Umgang mit Macht. Justizvollzugsanstalten sind Orte, an denen staatliche Macht besonders sichtbar wird. Freiheitsentzug ist nämlich Macht in ihrer konzentriertesten Form. Gerade deshalb bedarf es einer transparenten und klaren Kommunikation (auch in Form von Öffentlichkeitsarbeit) im Hinblick auf unsere tägliche Arbeit und die damit verbundenen Ziele. Überdies braucht es engagierte Bedienstete, die ihre Arbeit mit klarer Haltung als Dienst an der Gesellschaft verstehen. Die Bediensteten leisten täglich einen anspruchsvollen Beitrag zur Stabilität unserer Demokratie, oft fernab öffentlicher Aufmerksamkeit.

Der Umgang mit Macht ist gebunden an Recht, Gesetz und Menschlichkeit. Dies unterscheidet unseren demokratischen Rechtsstaat von autoritären Systemen. Auch verbieten sich die unrechtmäßige Anwendung von Gewalt, Ungleichbehandlungen und Ausgrenzungen bestimmter Personengruppen. Verfassungs- und demokratiefeindlichen Strömungen, die welt- und deutschlandweit auf dem Vormarsch sind und derartige Inhalte vertreten, ist insofern entschieden entgegenzutreten! Ich verstehe Justizvollzugsanstalten als Institutionen des Rechts und der Verantwortung. Zur Stärkung der Demokratie ist also auch die Stärkung des Justizvollzuges unerlässlich. Hierfür benötigen wir stets ausreichende Ressourcen, qualifiziertes Personal, moderne Behandlungskonzepte und -angebote sowie eine klare Werteordnung. Dort, wo der Staat Menschen ihre Freiheit entzieht, entscheidet sich, ob er seinen eigenen Ansprüchen gerecht wird. Ich möchte insofern alle anwesenden Kolleginnen und Kollegen dazu ermutigen, sich Folgendes stets ins Bewusstsein zu rufen: Justizvollzugsanstalten sind kein Randbereich unserer Demokratie – sie sind eines ihrer Fundamente. Ich freue mich, meinen Beitrag zur Stärkung dieses Fundaments gemeinsam mit den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der JVA Detmold zu leisten.

Gero Berkemeier 

 

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