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Stephan Kern ist der neue evangelische Seelsorger in der nordrhein-westfälischen Justizvollzugsanstalt Geldern. Am Sonntag wird er offiziell in sein Amt eingeführt. Wie der 55-Jährige Häftlingen begegnet und warum er sich wie in einer Parallelwelt fühlt? Für Stephan Kern war und ist es ein Traumberuf: Pfarrer. Der 55-Jährige ist seit dem 15. November evangelischer Seelsorger in der Justizvollzugsanstalt Geldern (JVA). Der Essener tritt die Nachfolge von Pfarrer Hartmut Pleines an, der an das Alexianer-Krankenhaus in Krefeld wechselte.

Die JVA Geldern am Niederrhein mit der Aufschrift „Sehnsucht“ an der Außenmauer.

Pfarrer Kern wird während eines Gottesdienstes in der JVA am Sonntag vom Superintendenten des evangelischen Kirchenkreises Kleve, Pfarrer Hans-Joachim Wefers, in die Pfarrstelle eingeführt. „Ich habe eine klassische Kirchenkarriere“, meint Pfarrer Kern lächelnd. Sie begann mit Kindergottesdienst, den er später selbst gestaltete. Sein damaliger Ortspfarrer in Krefeld-Süd öffnete ihm die Tür zum Glauben und beeindruckte ihn nachhaltig.

Während eines „Abends der Begegnung“ auf dem Kirchentag Hamburg 1981 dachte der 14-Jährige angesichts der 100.000 Teilnehmenden: „Mensch, die sind alle wegen Gott hier!“ Das wirkte nach, so dass Kern mit 16 Jahren wusste: „Ich werde Pfarrer.“ Dafür mussten zunächst die Realschule und das Abitur erfolgreich abgeschlossen werden. 1988 begann das Theologie-Studium in Bonn, später auch in Münster. Nach dem Vikariat in Bonn-Duisdorf und weiteren Stationen in der Eifel  als Pfarrer zur Anstellung, Saarbrücken-Altenkessel, im Berufskolleg Essen-West, in der Kinder- und Jugendpsychiatrie Süchteln und parallel 20 Jahren in der Notfallseelsorge wollte Kern nun noch mal etwas Neues beginnen: Gefängnisseelsorge.

Eine Parallelwelt

In den ersten Wochen erlebte Pfarrer Kern die Justizvollzugsanstalt in Geldern wie eine „Parallelwelt“. Er bemerkte schnell die frappierenden Unterschiede: „Hier ist es eine Besonderheit, dass Gefangene meine Türklinke herunterdrücken dürfen.“ Zellen haben keine Klinke, alle anderen werden ausschließlich vom Personal angefasst. „Gefangene vermissen die Selbstwirksamkeit in einem Alltag, in dem viele Entscheidungen nicht von Gefangenen selbst getroffen werden“, findet Kern. In der JVA Geldern sind Männer zwischen 21 und 79 Jahren inhaftiert, im Schnitt mit drei oder mehr Jahren Haftzeit. Während Häftlinge im Umgang untereinander cool sein wollen, werde „bei mir im geschützten Raum oft geheult“, berichtet Pfarrer Kern mit Blick auf die gut genutzte Tücherbox auf dem Tisch. Oft gehe es bei den Gesprächen um den „Bruch im Leben“, um die Tat, die alles änderte. Wenn jemand um ein Gespräch bittet, sind für den Seelsorger nur zwei Dinge wichtig: Wo ist seine Zelle? Und gibt es sicherheitsrelevante Details, die zu beachten sind? Der Pfarrer erkundigt sich nicht, was derjenige verbrochen hat: „Ich möchte möglichst vorurteilsfrei in ein Gespräch gehen.“ Ein Gefangener entscheide dann selbst, was er erzählt und was nicht. Pfarrer Kern ist zudem für alle im „System Justizvollzugsanstalt“ ansprechbar: Gefangene, Angehörige, Mitarbeitende.

7 Kilometer im Knast gehen

Der Geistliche ist dabei viel unterwegs, die Flure in Gelderns JVA sind lang: „Fast sieben Kilometer zeigte meine Uhr neulich“, berichtet er. Im Wechsel werden sonntags evangelische und katholische Gottesdienste angeboten, im Schnitt sind 35 Häftlinge dabei. „Meinen ersten Gottesdienst hier habe ich Heiligabend gefeiert und war sehr nervös“, erzählt der Pfarrer. Aber die positiven Rückmeldungen beruhigten ihn. Corona macht leider auch vor dem Alltag in der JVA nicht halt: Zurzeit sind Langzeit-Besuche von Familien (drei Stunden) nicht möglich. „Das belastet Gefangene sehr“, weiß Kern aus Gesprächen. Er freut sich auf die Zeit, wenn auch er wieder familienzentrierter arbeiten kann.

Artikel mit freundlicher Genehmigung: RP online

 

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