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Kriminelle Monster oder Sünder mit neuer Chance?

Die Biografiearbeit spielt eine besondere Rolle
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Die Sünde ächten, den Sünder achten. Diesem Prinzip folgt Oliver Föhr als Gefängnisseelsorger in der Memminger Justizvollzugsanstalt. Foto: Verena Kaulfersch.

„Ich hab’ Monster erwartet und treffe, seit ich hier bin, täglich Menschen.“ Oliver Föhr arbeitet als Gefängnisseelsorger in der Memminger Justizvollzugsanstalt im bayrischen Allgäu. Dabei erlebt er Geschichten, die einem nahegehen – und besondere Herausforderungen. Es sind nicht nur die Turnschuhe in Knallorange und der Ohrring, die Oliver Föhr etwas vom gewohnten Bild eines Seelsorgers unterscheiden: Wenn er Gottesdienst feiert, gelten keine strengen liturgischen Vorgaben. In einem Raum, wo sonst Tischtennis gespielt wird, leuchten dann LED-Strahler ein großes Kreuz bunt an und Föhr spricht die Anwesenden gerne direkt an, nennt sie „Liebe Schwestern und Brüder“. 

Dass alles anders läuft – egal ob bei Seelsorgegesprächen, Bibelkreis oder Gottesdiensten – liegt daran, dass sein Hauptwirkungsort ein „AndersOrt“ ist, wie er es mit dem Namen einer Fachzeitschrift ausdrückt: Föhr ist Gefängnisseelsorger in der Justizvollzugsanstalt (JVA) Memmingen. Tritt er ans Fenster seines Arbeitszimmers, dann stößt sein Blick gegenüber auf eine Fassade mit vergitterten Fenstern. Wer dort in einer der Zellen sitze – 23 Stunden am Tag, in Gefängniskleidung statt der eigenen – gerate ins Nachdenken über sein Leben. Ganz gleich wie das aussieht, wie der Tatvorwurf lautet und ob die Inhaftierten einer Religion angehören: Über das, was sie umtreibt, können sie mit Föhr sprechen.

Kein vorschnelles Urteilen

Mit der Weihe zum Diakon hat der 45-Jährige im Jahr 2011 diese Aufgabe übernommen: „Das Amt des Diakons ist es, eine Art soziales Auge des Bischofs zu sein.“ Dafür konnte sich Föhr, der auch als Notfallseelsorger wirkt, schnell begeistern: „Bei meiner Arbeit habe ich gemerkt, dass Menschen am Rande von Kirche und Gesellschaft mir viel bedeuten.“ Dennoch hatte er anfangs gemischte Gefühle. „Ich bin zweifacher Vater und verheiratet. Ich hab mir den schlimmsten Fall ausgemalt: ,Was ist, wenn Papa was passiert?’“ Im Kopf hatte er Fälle wie den in der JVA Dresden, wo 2005 ein Seelsorger als Geisel genommen wurde.

Durchsuchung eiens Haftraumes durch einen Justizvollzugsbeamten.

Heute sagt Föhr: „Ich hab’ Monster erwartet und treffe, seit ich hier bin, täglich Menschen.“ Die Memminger JVA ist für den Vollzug von Freiheitsstrafen bis zu einem Jahr und von Untersuchungshaft zuständig. Föhr hat sein Büro in einem Verwaltungsgebäude, an Wänden und Schranktüren hängen in kräftigen Farben gemalte religiöse Szenen von Sieger Köder, außerdem Fotos sowie Karten mit nachdenklichen und witzigen Botschaften. 21 Stunden pro Woche arbeitet er in der JVA – und nach Bedarf. Die Anträge Gefangener, die bei ihm eingehen, werden nicht abgelegt oder dokumentiert. Überdies gilt für den Gefängnisseelsorger Schweigepflicht – und er ist, anders als etwa JVA-Beamte, nicht auskunftspflichtig. Erschwert wird seine Arbeit dadurch, dass viele Inhaftierte nur kurz da sind: „Wenn der erste ,Knastschock’ verdaut ist, sind sie kurz darauf wieder weg.“ Darum hält sich laut Föhr der Irrtum, hier landeten nur „harmlose“ Fälle – tatsächlich geht es in der Zuständigkeit um Gerichtsbezirke, nicht um die Schwere des Tatvorwurfs.

Föhr hat mit Menschen zu tun, die wegen verschiedenster Dinge eingesperrt sind: vom Diebstahl bis zu Taten, bei denen jemand verletzt oder getötet wurde. „Ich will die Delikte nicht verharmlosen“, betont Föhr. Doch er warnt vor Selbstgerechtigkeit und vorschnellen Urteilen. „Man lernt hier, in seine eigenen Abgründe zu schauen.“ Auch er habe sich früher schon hinters Steuer gesetzt, nachdem er Bier getrunken hatte, „aber ich habe eben keinen Radler totgefahren“.

Trennung zwischen Tat und Täter

Wichtig ist für ihn die Trennung zwischen Tat und Täter – wobei das unterschiedlich gut gelingt. „Es berührt mich umso mehr, je schwächer das Opfer war oder je dümmer und sinnloser die Straftat.“ Kein Verständnis hat er für Versuche, die Tat kleinzureden wie etwa „Es war ja nur eine Tankstelle, die ich überfallen habe“. Was dadurch angerichtet werden kann, weiß Föhr nur zu gut: „Vor dem Studium habe ich eine Ausbildung zum Bankkaufmann gemacht und die Filiale wurde überfallen. Ich selbst war nicht dabei, aber ich habe erlebt, wie der Geschäftsstellenleiter später darunter gelitten hat.“

Er folgt dem Prinzip: die Sünde ächten, den Sünder achten. Denn allein die Erfahrung, nach einer schlimmen Tat noch als Mensch angesprochen zu werden, trägt aus Sicht Föhrs dazu bei, den Betreffenden zu erreichen. Nicht selten gehe es in Seelsorgegesprächen aber nicht um die Inhaftierten selbst – viele beschäftigten die Folgen ihres Handelns, etwa für die Familie: „Da wird der Bub vom Sportverein nicht mehr aufgestellt, weil der Papa im Gefängnis sitzt oder die Frau muss wohl umziehen, weil man in der Nachbarschaft keinen Knasti will.“

Die Sünde ächten, den Sünder achten

Besonders berührt es Föhr, wenn eine Biografie scheinbar unausweichlich auf die Tat zuführte oder jemand aus einer verzweifelten Situation heraus handelte. Um damit umzugehen, sei „gute Psycho- und Seelenhygiene“ entscheidend. Bei ihm bedeutet das auch: auspowern bei einem Hobby jenseits von Kirche und Blaulicht. Dann ist er nicht Gefängnisseelsorger, sondern spielt Floorball beim SV Amendingen oder tritt mit seiner Mittelalterband auf. Zudem trägt ihn der Glaube, sagen zu können: „Ich hab’ mein Möglichstes getan. Lieber Gott, jetzt gehört er – oder sie – Dir.“ Darüber, dass sein Weg an den „AndersOrt“ geführt hat, ist Föhr froh: „Wenn man mal hier gearbeitet hat, dann hat man vom Herzen her für diesen Bereich der Seelsorge lebenslänglich.“

Verena Kaulfersch | Mit freundlicher Genehmigung: Memminger Zeitung

 

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