Demonstration und Kundgebung auf dem Domplatz aus Anlass der Landtagswahl 2026 in der Landeshauptstadt Magdeburg. Foto: Imago.
Der Gefängnisseelsorger Christoph Tekaath von der JVA Burg und Projektleiter der Kampagne „Bewusst wählen“ des Bistum Magdeburg schaut aus einer Innenperspektive auf das Land Sachsen-Anhalt und die katholische Kirche dort. Eine möglicherweise einseitige Betrachtung Sachsen-Anhalts, seiner Kirche(n) und der Frage, was nach der Wahl kommt nimmt er in den Blick.
Sachsen-Anhalt ist klein. Rund 2,1 Millionen Menschen leben hier, etwa 1,7 Millionen sind wahlberechtigt. Und doch blickte rund um die Landtagswahl plötzlich wieder ein ganzes Land auf dieses kleine Bundesland. Eine starke AfD und die schwierige Suche nach politischen Mehrheiten ließen schnell den Eindruck entstehen: Der Osten ist anders. Doch ein Land versteht man nicht im Vorbeigehen.
Auf ein Land und seine Menschen einlassen
Im Vorfeld der Wahl war das Interesse an Sachsen-Anhalt plötzlich groß. JournalistInnen, PolitikerInnen, kirchliche VertreterInnen und BeobachterInnen wollten wissen, was hier passiert. Manche, die nun den Osten erklären wollten, waren zuvor vor allem durch ihn hindurchgefahren – auf dem Weg nach Berlin. Manche haben bis heute wenig Kontakt zu Menschen, die hier leben. Und selbst die Rede von den „neuen Bundesländern“ hält sich hartnäckig. Sachsen-Anhalt lässt sich nicht allein aus Wahlergebnissen, Strukturdaten und Umfragen verstehen. Verstehen bedeutet, sich auf ein Land und seine Menschen einzulassen: auf seine Geschichten, Brüche und Verletzungen – aber ebenso auf die Bewältigungsstrategien seiner Menschen.
Ostdeutsche Lebensgeschichten werden noch immer zu selten in ihrer Gänze wahrgenommen. Zu ihnen gehören DDR-Erfahrungen und der radikale Umbruch nach 1989/90: Verluste und Entwertungen ebenso wie Aufbrüche, neue Freiheiten und enorme Bewältigungsleistungen. Wer nur die Verletzungen sieht, macht Ostdeutsche zu Opfern. Wer sie ignoriert, versteht einen Teil der heutigen Wirklichkeit nicht. Das erklärt keine Wahlentscheidung und entschuldigt keine menschenfeindliche Position. Aber vielleicht hilft es zu verstehen, warum Protest auf Resonanz stößt.
Anders katholisch sein
Schwierig wird es, wo dieser Protest keine produktive Richtung findet und Politik keine positive Erzählung anbietet, die den Erfahrungen der Menschen gerecht wird. Und wo demokratische Parteien glauben, die AfD zurückdrängen zu können, indem sie Teile ihrer Sprache und Deutungsmuster übernehmen: bei Migration, der Abgrenzung gegenüber dem Islam, härteren Maßnahmen gegen Menschen in der Grundsicherung oder der pauschalen Abwertung von allem vermeintlich „Links-Grünen“. Damit muss die AfD nicht mehr salonfähig werden. Der Salon wird ihr eingerichtet.
Die katholische Kirche in Sachsen-Anhalt kennt dieses Anderssein. „Anders katholisch“ lautet nicht zufällig eine Selbstbeschreibung aus dem Bistum Magdeburg. Kirche ist hier klein, Diaspora und gesellschaftlich nicht selbstverständlich. Was andernorts als mögliche Zukunft diskutiert wird, gehört hier längst zum Alltag. Gerade deshalb braucht sie Bündnisse und PartnerInnen. Aus dieser Situation entstand vor der Landtagswahl die Initiative „Bewusst wählen!“. Unterschiedliche katholische Akteur*innen fanden zusammen: das Bistum Magdeburg, die Caritas, die Edith-Stein-Schulstiftung, der Katholikenrat, die Katholische Erwachsenenbildung und weitere Einrichtungen und Engagierte. Kein großer Apparat stand dahinter. Vieles geschah zusätzlich zur eigentlichen Arbeit: Social Media, Plakate, Banner, Fahnen und Postkarten, Veranstaltungen und Vernetzung. Im Mittelpunkt standen vier erstaunlich schlichte Begriffe: Menschenwürde, Nächstenliebe, Solidarität und Dialog. Vier christliche Grundhaltungen, die den Vereinfachungen, Feindbildern und Abwertungen des Populismus entgegengesetzt wurden.
Teil einer breiten Zivilgesellschaft
Eine wichtige Erfahrung war, dass Kirche nicht allein unterwegs war. „Bewusst wählen!“ wurde Teil einer breiten Zivilgesellschaft. Im Netzwerk Sachsen-Anhalt. Weltoffen! begegneten sich Initiativen und Vereine, Kulturschaffende, Gewerkschaften, Kirchen und einzelne Engagierte. Unterschiedliche Hintergründe – und trotzdem die gemeinsame Überzeugung, dass Demokratie nicht nur alle paar Jahre an der Wahlurne stattfindet. Sichtbar wurde dieses Netzwerk am Tag vor der Wahl beim Demokratiefestival auf dem Magdeburger Domplatz. Tausende kamen zusammen. Gast des Bistums Magdeburg war Henriette Kretz, Holocaust-Überlebende und Zeitzeugin. Einer ihrer Sätze hatte eine besondere Wirkung: „Hass hat nie etwas Gutes getan.“ Die Antwort auf Ausgrenzung kann nicht die Ausgrenzung der Ausgrenzenden sein. Das bedeutet nicht, Unterschiede kleinzureden. Menschenwürde ist nicht verhandelbar. Rassismus und Antisemitismus sind keine Varianten politischer Meinungsvielfalt. Dialog bedeutet nicht Beliebigkeit. Einer Position kann entschieden widersprochen werden, ohne den Menschen aufzugeben.
War die Initiative „Bewusst wählen!“ erfolgreich? Nach dieser Wahl muss diese Frage erlaubt sein. Vielleicht war es zu einfach, Plakate mit Menschenwürde, Nächstenliebe, Solidarität und Dialog aufzuhängen. Ein Wert, der nur auf einem Plakat steht, verändert noch keine Gesellschaft. Deshalb muss aus BEWUSST WÄHLEN! jetzt BEWUSST HANDELN werden. Menschenwürde muss erfahren, Solidarität erlebt, Nächstenliebe konkret und Dialog ermöglicht werden. Also keine neue Kampagne, sondern eine Haltung. Was könnte dies für die Kirche(n) bedeuten?
1. Hingehen, bevor wir urteilen. Kirche muss dort sein, wo Menschen leben.
2. Zuhören, bevor wir erklären. Auch Wut und Enttäuschung müssen ausgesprochen werden können, ohne dass wir sie übernehmen.
3. Menschenwürde verteidigen. Dort, wo Menschen ausgegrenzt oder zu Sündenböcken gemacht werden.
4. Solidarität erfahrbar machen. Wer einsam, arm oder überfordert ist, darf nicht allein bleiben.
5. Nächstenliebe nicht auf Ähnliche beschränken. Sie gilt Geflüchteten ebenso wie dem Nachbarn, dessen politische Meinung uns schwer erträglich erscheint.
6. Dialog ermöglichen. Nicht nur Podien, sondern wirkliche Begegnung.
7. Widersprechen, ohne Menschen aufzugeben. Haltung und Dialog sind keine Gegensätze.
8. Bündnisse suchen. Kirche(n) können Partnerinnen von Vereinen, Kulturschaffenden, Gewerkschaften und Initiativen sein – auch von Menschen, die den christlichen Glauben nicht teilen.
9. Raus aus den kirchlichen Schneckenhäusern. Weniger Selbstbeschäftigung, mehr Aufmerksamkeit für das, was Menschen und Gesellschaft brauchen.
10. Bleiben. Demokratiearbeit endet nicht am Wahltag. Glaubwürdig wird sie, wenn Kirche danach weiter da ist.
Haltung erfahrbar werden lassen
Was eine mögliche AfD-geführte Regierung für Kirche und Zivilgesellschaft konkret bedeuten würde, lässt sich heute kaum vorhersagen. Die Sorge vor veränderten Förderrichtlinien und gekürzten Mitteln ist real. Gerade dann darf Haltung nicht von staatlicher Finanzierung abhängig werden. Und vielleicht zeigt sich hier ganz praktisch, ob Deutschland den Osten nur beobachtet oder sich mit ihm verbunden weiß: wenn Solidarität mit betroffenen Einrichtungen und Initiativen nicht an Bistums- oder Landesgrenzen endet. Mittlerweile haben Mecklenburg-Vorpommern und Berlin gewählt. Wieder wird auf Prozentzahlen und Landkarten geschaut. Wieder beginnen innerhalb weniger Minuten die Erklärungen. Und wieder zeigen sich sehr unterschiedliche politische Wirklichkeiten. Vielleicht wollen wir zu schnell verstehen: Ost gegen West. Stadt gegen Land. Jung gegen Alt. Links gegen rechts. Solche Kategorien beschreiben Unterschiede, aber sie erklären weder einen Menschen noch ein Land.
Keine ausschließlich ostdeutschen Phänomene
Wer verstehen will, muss sich hineinbegeben: in Lebensgeschichten, Enttäuschungen und Hoffnungen, in Erfahrungen von Anerkennung und Missachtung. Man muss zuhören, bevor man erklärt. Das gilt für Mecklenburg-Vorpommern, Berlin und Sachsen-Anhalt. Vielleicht ist Sachsen-Anhalt weniger Sonderfall als Seismograf. Schwindendes Vertrauen in Institutionen, politische Polarisierung und der Verlust kirchlicher Selbstverständlichkeit sind längst keine ausschließlich ostdeutschen Phänomene. Das könnte auch für Kirche gelten. Eine kleine ostdeutsche Diasporakirche musste manche Erfahrungen früher machen. Ihre Chance könnte darin liegen, beweglich und verbunden zu sein. Nicht Kirche für sich selbst, sondern Kirche mit anderen. Nicht zuerst Institution, sondern Beziehung. Nicht nur Haltung zeigen, sondern Haltung erfahrbar machen. Menschenwürde. Nächstenliebe. Solidarität. Dialog. Vor der Wahl standen diese vier Worte auf Fahnen, Bannern und Postkarten. Nach der Wahl müssen sie von den Plakaten herunter. Denn auch eine Kirche versteht ein Land nicht im Vorbeigehen. Sie muss hineingehen.
Christoph Tekaath





