parallax background

Restorative Justice im Mittelalter: Zum 800. Todestag des Franziskus

7. Oktober 2026

Am 4. Oktober feierte die Franziskanische Familie und mit ihr die ganze Kirche den 800. Todestag des heiligen Franziskus von Assisi (1181/82-1226). Er ist bekannt als der Poverello (der Arme), der sich den Armen, den Menschen am Rande zuwendete. Er ist weiter bekannt als der Verfasser des berühmten Sonnengesangs, der zuletzt durch die Enzyklika Laudato si von Papst Franziskus zu neuer Publizität gelangte – weniger ein Loblied auf die Schöpfung als vielmehr auf den Schöpfer: „Höchster, allmächtiger, guter Herr, dein sind das Lob, die Herrlichkeit und Ehre und jeglicher Segen. Dir allein, Höchster, gebühren sie, und kein Mensch ist würdig, dich zu nennen. Gelobt seist du, mein Herr mit allen deinen Geschöpfen…“

Franziskus ist emphatisch

Die Schöpfung ist für Franziskus Zeichen der Gegenwart Gottes, sie öffnet ihm den Blick zu Gott. Der Lob Gottes mündet in den letzten Zeilen in Dankbarkeit und Demut: „Dankt ihm und dient ihm mit großer Demut.“ Die Demut (humilitas, d.h. auch auf dem Boden bleiben, sich nicht erheben und vor allem überheblich sein) prägt denn auch sein Verhalten zur Schöpfung – und zum Menschen. Der Arme von Assisi ist zugleich der Gehorsame (das Wort Gehorsam steht in den Regeln öfters als das Wort Armut), der in seinem Gruß an die Tugenden den Gehorsam als die Schwester der Liebe bezeichnet, und der mit den Worten endet: „und er (der Gehorsame) ist allen Menschen, die in der Welt sind, untertan und unterworfen, und nicht nur allein den Menschen, sondern auch allen Bestien und wilden Tieren, damit sie mit ihm tun können, was immer sie wollen, soweit es ihnen von oben herab, vom Herrn, gegeben ist.“ Franziskus als der Gehorsame ist der Hörende, er ist der, der im Anderen mehr sieht und hört als nur den Anderen. Franziskus ist empathisch, er versteht den Anderen. In den Fioretti, einer Legendensammlung aus der 2. Hälfte des 14. Jahrhunderts, die mit dem Sonnengesang zu den „Frühwerken der italienischen Literatur“ (Engelbert Grau) gehören, finden sich u.a. die bekannte Geschichte von der Bekehrung des Wolfes von Gubbio (21. Kapitel) und dann noch die weniger bekannte von der Bekehrung der drei Raubmörder (26. Kapitel). In dieser wird erzählt, wie Franziskus einen Guardian (Hausoberen), der die Dreien vertrieb, diesen hinterher schickte, damit er ihnen Brot und Wein brächte und sich bei ihnen für sein Verhalten entschuldigte; „Bekenne demütig vor ihnen deine Schuld!“. Man mag sich fragen, wer hier Opfer und wer Täter ist. Franziskus weiß das sicher, aber er erkennt in den Tätern mehr als nur Räuber. Er will sie nicht bestrafen, sondern er will ihnen das geben, was sie brauchen. Er sucht nicht Vergeltung, sondern Versöhnung.

Statue des Heiligen Franziskus auf dem Gipfel des Monte Bulgheria im Cilento.

Geschichte vom Wolf von Gubbio

  1. Franziskus hatte […] Mitleid mit den Menschen der Stadt, d.h. er versteht das Anliegen der Bewohner von Gubbio.
  2. Als sich Franziskus dem Wolf näherte, machte der heilige Franziskus das Kreuzzeichen über ihn, rief ihn zu sich und sagte: „Komm her da, Bruder Wolf!“, d.h. Franziskus verzichtet auf physische und psychische Waffen, er versucht dem Wolf anders zu begegnen als die Bewohner von Gubbio.
  3. Komm her da, Bruder Wolf, spricht ihn Franz an und schafft damit die Grundlage für einen Dialog des Vertrauens ohne vor der grausamen Wirklichkeit die Augen zu verschließen.
  4. Denn er fährt fort: Bruder Wolf, du richtest viel Schaden an in dieser Gegend und hast bereits sehr schlimme Missetaten verübt […]. Deshalb verdienst du als übelster Dieb und Räuber den Galgen. Franziskus erkennt die Interessen der Bewohner von Gubbio an.
  5. Franz baut aber dem Wolf aber eine Brücke, nimmt den Wolf aber auch in Pflicht: Ich aber, Bruder Wolf, will Frieden stiften zwischen dir und diesen. Du sollst ihnen fürderhin nicht mehr schaden, sondern auch die Stadtbewohner: Sie aber werden dir all deine früheren Missetaten vergeben!
  6. Und schließlich kommt der entscheidende Schritt, mit dem Franz die Lebensinteressen des Wolfs anerkennt: Bruder Wolf, da du eingewilligt hast, diesen Frieden zu schließen und zu halten, so verspreche ich dir, ich will dafür sorgen, daß dir, solange du lebst, diese Männer deine Kost darreichen, daß du künftig nicht mehr Hunger leidest. Denn ich weiß wohl, daß du nur, weil du Hunger littest alles Böse getan hast.

Der Wolf lebte noch zwei Jahre in Gubbio. Er ging zutraulich von Haus zu Haus, ohne irgend jemand ein Leid zuzufügen, schließt die Legende, in der Franziskus die Position eines Mediators einnimmt, der die Bedürfnisse von Opfer und Täter gleichermaßen wahrnimmt und einen Ausgleich sucht: auch hier nicht Vergeltung, sondern Versöhnung. Weder der Wolf noch die Stadtbewohner verlieren ihr Gesicht, die Lösung wird beiden gerecht und beruht nicht auf Vergeltung, auf Strafe. Beide Parteien gehen freiwillig auf den Lösungsvorschlag ein – und ermöglichen Frieden, shalom.

Von dem Wunder

Zu der Zeit, als der heilige Franziskus in der Stadt Gubbio weilte, tauchte in der Umgebung von Gubbio ein ungeheuer großer, schrecklicher und wilder Wolf auf, der nicht nur Tiere verschlang, sondern auch Menschen. Aus diesem Grunde befanden sich alle Bürger in großer Angst, weil der Wolf sich öfter auch der Stadt näherte. Wenn sie diese verließen, gingen sie immer bewaffnet, als ob sie in die Schlacht zögen. Aber auch mit alldem konnte man sich gegen ihn nicht verteidigen, wenn er einem allein begegnete. Aus Furcht vor diesem Wolf kam es so weit, dass keiner mehr wagte, die Stadt zu verlassen. Der heilige Franziskus hatte deshalb Mitleid mit den Menschen der Stadt und wollte zu diesem Wolf hinausgehen, obwohl ihm die Bürger um jeden Preis davon abrieten. Er aber machte das Kreuzzeichen, setzte all sein Vertrauen auf Gott und ging mit seinen Gefährten zur Stadt hinaus. Als den anderen Bedenken kamen, noch weiterzugehen, schlug der heilige Franziskus allein den Weg zu dem Platz ein, wo der Wolf hauste. Und siehe, als der Wolf die vielen Menschen sah, die gekommen waren, um dieses Schauspiel zu sehen, lief er mit offenem Rachen dem heiligen Franziskus entgegen. Als er sich ihm so näherte, machte der heilige Franziskus das Kreuzzeichen über ihn, rief ihn zu sich und sagte: „Komm her da, Bruder Wolf! Im Namen Christi gebiete ich dir, weder mir noch irgendeinem Menschen etwas Böses zu tun.“ Welch ein Wunder! Kaum hatte der heilige Franziskus das Kreuzzeichen gemacht, da schloss der schreckliche Wolf seinen Rachen und hielt seinen Lauf an. Und kaum hatte er den Befehl ausgesprochen, da kam der Wolf sanftmütig wie ein Lamm daher, warf sich dem heiligen Franziskus zu Füßen und legte sich hin.

Da sprach der heilige Franziskus zu ihm: „Bruder Wolf, du richtest viel Schaden an in dieser Gegend und hast bereits sehr schlimme Missetaten verübt […]. Deshalb verdienst du als übelster Dieb und Räuber den Galgen, denn das ganze Volk schreit und schimpft gegen dich und das ganze Land hast du zum Feind. Ich will aber, Bruder Wolf, Frieden machen zwischen dir und ihnen, indem du sie nicht mehr angreifst; sie aber sollen dir jede vergangene Missetat vergeben und weder Menschen noch Hunde sollen dir weiter nachstellen.“ Auf diese Worte hin bezeugte der Wolf mit Gesten des Körpers und des Schwanzes, der Ohren und mit Kopfnicken, dass er das, was der heilige Franziskus sagte, annehmen und beobachten wolle. Da sagte der heilige Franziskus: „Bruder Wolf, da es dir gefällt, diesen Frieden einzugehen und zu halten, verspreche ich dir, dafür zu sorgen, dass dir die Menschen dieser Gegend immer Nahrung geben, solange du lebst, so dass du keinen Hunger mehr zu leiden brauchst. Denn ich weiß sehr wohl, dass du aus Hunger all das Böse getan hast. Weil ich dir aber diese Gnade erwirken werde, will ich von dir, Bruder Wolf, dass du mir versprichst, niemals wieder irgendeinem Menschen oder Tier Schaden zuzufügen. Versprichst du mir das?“ Der Wolf gab durch Kopfnicken deutlich zu verstehen, dass er dies versprechen wolle. […]

Friedensvertrag einhalten

Dann sagte der heilige Franziskus: „Bruder Wolf, ich befehle dir im Namen Jesu Christi, jetzt unverzüglich mit mir zu kommen, damit wir hingehen, um diesen Frieden im Namen Gottes zu bekräftigen.“ Der Wolf ging gehorsam mit ihm wie ein sanftes Lamm, so dass sich die Bürger, die dieses sahen, äußerst wunderten und man von dieser Neuigkeit sofort in der ganzen Stadt wusste. Daher strömten alle Leute, Groß und Klein, Männer und Frauen, Junge und Alte zum Platz, um den Wolf mit dem heiligen Franziskus zu sehen. […] Nach der Predigt sagte der heilige Franziskus: „Hört, meine Brüder! Bruder Wolf, der hier vor euch ist, hat mir versprochen und mir dieses Versprechen beglaubigt, mit euch Frieden zu machen. Er wird euch auf keinerlei Weise mehr Böses antun, wenn ihr ihm versprecht, ihm jeden Tag das zum Leben Notwendige zu geben. Ich aber will für ihn als Bürger eintreten, dass er den Friedensvertrag unverbrüchlich halten wird.“ Darauf versprach das ganze Volk einstimmig, ihn regelmäßig zu verpflegen. Der heilige Franziskus sagte aber vor allen Leuten zum Wolf: „Und du, Bruder Wolf, versprichst du, diesen Leuten gegenüber den Friedensvertrag zu halten, indem du weder Menschen noch Tieren noch irgendeiner Kreatur Leid zufügst?“ Der Wolf ging in die Knie, senkte den Kopf und bezeugte, so gut er es vermochte, mit sanften Bewegungen des Körpers, des Schwanzes und der Ohren, dass er ihnen gegenüber den ganzen Vertrag halten wolle. Der heilige Franziskus sagte: „Bruder Wolf, ich will dass du mir auch jetzt vor dem ganzen Volk dieses dein Versprechen beglaubigst, wie du es mir vor dem Tor beglaubigt hast. Du sollst mich auch in meiner Bürgschaft, die ich für dich eingegangen bin, nicht betrügen.“ Da hob der Wolf die rechte Tatze und legte sie in die Hand des heiligen Franziskus. […] Nach zwei Jahren schließlich starb Bruder Wolf an Altersschwäche. […]. (Fioretti 21, gekürzt)

Simeon Reininger

Zitate: Die Schriften des heiligen Franziskus, Lebensbeschreibungen, Chroniken und Zeugnisse über ihn und seinen Orden […], hg. von Dieter Berg und Leonhard Lehmann (Zeugnisse des 13. und 14. Jahrhunderts zur Franziskanischen Bewegung; 1), Butzon & Bercker, Edition Coelde: Kevelaer 2009.

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert