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Haben sie Dich wieder rausgelassen?

Die Liste der Wortwitze wird lange, wenn man mit der Arbeit im Gefängnis zu tun bekommt. „Fährst du wieder ein?“, „Was hast du denn angestellt?“, „Haben sie dich wieder raus gelassen?“. Das verhaltene, etwas verlegene Kichern, das oft auf einen dieser Sätze folgt, macht mir immer wieder deutlich, wie unangenehm die Konfrontation mit dem Thema Strafvollzug ist und gleichzeitig welch große Attraktion es auf meine Gesprächspartner ausübt.

Ich kann nicht sagen, dass mich diese geschilderten Situationen besonders belustigt hätten, obwohl sie sicher einer gewissen Komik nicht entbehren können. Manchmal schwingt auch etwas Abstoßendes mit, ein anderes Mal implizit die Vermutung, Straftäter könnten (seelsorglicher) Unterstützung nicht bedürfen. Sie hätten mich und meine Sorge nicht verdient. Jedenfalls bleibt nach einigen solchen Begebenheiten das Gefühl, diese Menschen sollten kein Teil dieser, unserer Gesellschaft sein. Sie hätten sich’s verspielt.

Die Reaktionen auf mein Praktikum im Bereich der Seelsorge in der JVA Würzburg waren alles in allem natürlich ganz unterschiedlich, „drinnen“ und „draußen“, häufig aber von Skepsis geprägt. Diese junge Frau am Ende ihres Studiums hat anscheinend nichts Besseres zu tun, als sich mit Straftätern abzugeben und gibt sich wohl einem Idealismus hin, solche Menschen ändern zu können. Inzwischen weiß ich, dass es für mich wenig Sinnvolleres hätte geben können.

Denn die Wirklichkeit, die sich im Knast abbildet, hat mir eine neue Perspektive auf die Gesellschaft, das alltägliche Leben Draußen und auch auf meinen Glauben gegeben. Was hält oder trägt einen Menschen, der im Gefängnis sitzt? Konfrontiert mit den täglichen Problemen, die sich daraus ergeben, nicht mehr als Teil der Gesellschaft zu gelten, abgeschnitten von fast jeglichen Sozialkontakten, bleibt ganz offenbar nicht viel. Die meisten hängen sich meiner Erfahrung nach wie an einen Strohhalm an die viel zu seltene und spärlicher werdende Kommunikation nach und vor allem von Draußen.

Von Gefangenen habe ich oft gehört, dass es in dieser Zeit entscheidend ist, wie man Drinnen behandelt wird, vor allem aber ob man als Mensch wahrgenommen wird. Angesichts des täglichen Kampfes, weder als Nummer noch als Gefahr, gar als Monster, zu gelten, ist das für mich eine verständliche Sehnsucht. Endlich wieder Mensch sein dürfen wird plötzlich zum Dreh- und Angelpunkt der Identität. So wird es zur entscheidend anderen Erfahrung, wieder etwas zu gelten, nicht Nichts zu sein. Oft genug wird von der Umwelt – auch hier drinnen und draußen – suggeriert, dass man wohl besser dran wäre ohne die eigene Person.

Es ist für mich das gesellschaftliche Bedürfnis, Straftäter bestraft zu sehen, durchaus verständlich. Auch wenn längst nicht klar ist, wie präventiv solche Freiheitsstrafen wirken und ob sie die Sicherheit signifikant erhöhen. Beschämt haben mich aber Kommentare, dass es den Gefangenen wohl noch zu gut gehe, wenn sie dazu in der Lage seien, erneut straffällig zu werden. Vermutlich denkt man nicht mehr so, wenn man eine JVA einmal von innen ge- sehen hat.

Es macht mich auch ratlos, wie man mit der enormen Anzahl an Drogensüchtigen umgehen sollte, die im Gefängnis oft auf kaltem Entzug sitzen. Sicher, auch sie sind Straftäter nach Recht und Gesetz. Aber was passiert mit dem Anspruch auf Resozialisierung, wenn jemand zum sechsten oder siebten Mal verurteilt wird? Und wer ist hier hinter seinen Möglichkeiten geblieben?

Der erste Schritt am Beginn eines Tages in der JVA, der Schritt über die Schwelle, durch die Torwache, war immer der anstrengendste. Die Spannung, was heute passieren wird, ob es überfordernde Situationen geben könnte, ob man mit dem eigenen Handeln und den Worten Gutes oder Bedrückendes erreicht, hat mich immer beschäftigt. Jedes Schloss, das ich auf dem Weg zu den Gefangenen überwand, nahm mir ein bisschen mehr von dem aufgeregten Herzklopfen. Spätestens mit dem erwartungsvollen, manchmal auch skeptischen Blick an der Zellentüre war es verflogen.

Aber was ist das, was diese Arbeit für mich so wertvoll, so sinnvoll erscheinen lässt? Vielleicht die Tatsache, dass in den Gesprächen sofort das ganze Leben durchscheint, die Sorgen, die Angst, vor dem Alleinsein, vor dem nächsten Tag. Es sind Worte ohne Maske, die einem das ganze Sein eines Menschen hinhalten. Und wenn der ganze Mensch nichts anderes sieht, außer den täglich größer werdenden Frust, spürt man in einigen geraunzten Kommentaren schnell auch das.

Katharina Leniger

 

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