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Mut, um aufzustehen: Von den Lebenswirklichkeiten inspiriert

14. Mai 2026

An der Bushaltestelle in Würzburg steht eine Frau mit Regenschirm. Ein Gewitter zieht auf. Der Himmel ist dunkelblau und es regnet plötzlich in Strömen. Der Bus kommt einfach nicht an dieser Bushaltestelle am Hochhaus des Hotel „Premier Inn“. Keine Überdachung schützt die Fahrgäste an der Haltestelle. „Das alles wegen diesem „Katholiken-Dings-Bumm“ sagt die Frau, die schützend ihren Regenschirm über mich hält und genauso ungeduldig wartet wie ich. „Ja genau“, sage ich, ohne ihr zu sagen, dass ich ausgerechnet wegen diesem Ereignis des 104. Katholikentages im Würzburg am Stand der Gefängnisseelsorge bin. Ein Zwischen-Kommentar.

Dies mache ich alles freiwillig. Wegen diesem „Dings-Bumm“. Warum setze ich mich als katholischer Seelsorger in einer staatlichen Einrichtung der Justiz für die „Katholische Kirche“ ein, obwohl ich kritisch-konstruktiv oder nicht etwa zu sagen eintrete für eine Kirche, deren Eigenwilligkeiten ich nicht (mehr) tolerieren und akzeptieren will und kann. In der Straßenbahn der fränkischen Stadt sitzen Menschen mit weißen „Kalk-Leisten“ und schwarzen „Röcken“ und ich sinniere, welche Geschichten und welche Funktion sie wohl haben? Sie stehen für mich für die Römisch-Katholische Kirche, obwohl ich weiß, dass evangelisch-lutherische Pfarrer diese „Kleidung“ im Norden und in den skandinavischen Ländern ebenso tragen. Ob die Kleidung etwas über ihre Haltung und ihre Einstellung sagt?

Der Philosoph und Autor Hanno Sauer referiert bei der Tagung der Evangelischen Konferenz für Gefängnisseelsorge in Hünfeld im Mai 2026 über „Diesseits von Gut und Böse“.

Hab Mut und steh auf?

Auf der anderen Seite erlebe ich Menschen, die aufgrund der Lehre der Katholischen Kirche eigentlich austreten müssten. Da ist ein Stand der Initiative „Homosexuelle und Kirche“. Wie geht dass denn? Oder der „Vereinigung der Priester und ihrer Frauen“. Nicht weit weg ist die Abtei Münsterschwarzach. Hier werden MItarbeiterInnen der Katholischen Kirche wieder „aufgemöbelt“ und „gestärkt“ in ihrem Dienst, nachdem sie angeblich „am System gestrauchelt“ sind. Oder ist das zu sarkastisch? Die Kritik ist nicht gemeint gegenüber einem Weg, der eine Selbsterkenntnis im persönlichen Leben ermöglicht, sondern ist begründet in einem krankmachenden System einer Amts-Kirche, die Frauen in den Ämtern ausschließt, die eine Sexualmoral aufrecht erhält, die längst reformiert gehört und in deren Kirche ausschließlich (ältere) Männer das Sagen haben. Das alles ist nichts Neues. Nur, warum gehöre ich dieser Gemeinschaft an, die Menschenrechte nicht anerkennt und auf der anderen Seite mit dem Katholikentag-Slogan „Hab Mut und steht auf“ wirbt? Braucht es Mut, um Kritik nicht ausschließlich gesellschaftlicher Art, sondern innerkirchlich zu äußern, die nicht fruchtbar werden und die keiner mehr hören will? In der staatlichen Einrichtung stehe ich ausgerechnet für diese Kirche gerade, die ich selbst oft mit „sektiererischen Tendenzen“ erlebe. Und das besonders an solch einem Katholikentag. Hier bringen sich besonders die „so Eindeutigen“ und „Missionierenden“ in Stellung.

Papst mit Nike-Schuhen

Es geht nicht um Abgrenzung, sondern um ein offenes Leben in Würde, egal wie ein Mensch sein Leben leben will. Es gibt nicht um die eine Wahrheit. Und schon gar nicht um einen „Frei-Schein“ und den Schlüssel in ein Himmelreich. Manche versuchen auf „Teufel komm raus“ die Botschaft zu vermitteln, die einengend und ein-sortierend wirkt. Das gibt es ebenso in anderen Konfessionen und „Frei-Kirchen“. Doch ich erlebe dies in den letzten Jahren verstärkt auf vielen Ebenen. Entweder bist Du dafür oder dagegen. Ein „dazwischen“ gibt es nicht (mehr). Die gesellschaftlichen Zwänge und politischen Diskurse zielen genau auf dieser Ebene. Angebliche Reformbewegungen sind oft tief verwurzelt in das Denken so mancher Theologien, dass das ihnen das gar nicht mehr auffällt. Ein luvial agierender und klerikaler Priester genügt, um angeblich  überzeugend zu wirken. Ein Papst mit „Nike-Schuhen“ und der Tennis spielt, ist fortschrittlich und „modern“? Doch das ändert nichts am Leben der Menschen, die sich längst von den Riten und den Liturgien vergangener Zeit verabschiedet haben oder die sich davon nicht (mehr) berühren lassen (wollen). Vielleicht sind sie noch insgeheim fasziniert davon, aber das greift in ihrem Leben nicht ein bzw. reflektiert nicht davon. Ein Kämpfen für eine Veränderung erscheint sinnlos.

Uninformiertheit verändern

Vielleicht ist etwas dran an diesem „Dings-Bumm“. Vielleicht können ChristInnen der Welt „Paroli“ bieten. Vor allem gegenüber Rechts außen und unwürdigen Bedingungen und gegenüber Menschen, die keine Stimme haben. Straffällige, MigrantInnen und wohnungslose Menschen. Menschen mit einer ambivalenten Haltung, deren Geschichte nicht klar ist oder die so sind, wie sie eben sind.  Da spielt die Konfession keine Rolle. Da kann es keine Abgrenzungen geben. Da steht das Leben im Mittelpunkt mit allen Facetten, ohne klare „Antworten“ geben zu können und zu wollen. Oder sich mit einer (klerikalen) Kleidung und mit einem „inneren Gefängnisdirektor“ über andere zu erheben. Das bedeutet im Umkehrschluss, sich selbst zu hinterfragen, Riten und Gewohnheiten auf den Prüfstein zu nehmen und sich von der Lebenswirklichkeit inspiriern lassen. Dies besonders an einem Ort, wie die des Gefängnisses, an dem exstenzielle Themen deutlich werden. Da helfen keine frommen Lehrsätze, sondern Mitmenschlichkeit und das Da-Sein. Das verändert eine Uninformiertheit, in deren Gefahr sich Gemeinschaften wie die der Kirche(n) sich immer wieder befinden.

Michael King

 

Gemeinsam für mutigere Reformen!

Aufruf katholischer Reformkräfte am Katholikentag 2026 in Würzburg

In den großen Herausforderungen und Umwälzungen, in denen unsere Kirche und unsere Gesellschaft stehen, erleben wir eine Zeitenwende, die mutige Reformen in allen Bereichen und auf allen Ebenen erfordert. Dies kann nur gemeinsam und solidarisch geschehen. Uns Reformkräfte motiviert die befreiende Vision Jesu, die Gottes- und Nächstenliebe, die uns dazu aufruft, uns konkret für eine gerechtere Kirche und eine gerechtere Welt einzusetzen.


Wir setzen uns ein
für eine Kirche, die „Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Menschen von heute, besonders der Armen und Bedrängten aller Art“ (Konzilsdekret „Gaudium et spes“) wahrnimmt und in Verbundenheit mit der ganzen Menschheitsfamilie das Anbrechen des Reiches Gottes konkret sichtbar und erfahrbar werden lässt.

Wir setzen uns ein für eine Kirche, die Teilhabe und Demokratie ernstnimmt, die den Klerikalismus einer Zwei-Klassen-Kirche überwindet und die die Gleichberechtigung aller Geschlechter zum Ziel hat. Von den Bischöfen erwarten wir, dass sie die Beschlüsse des Synodalen Weges und der Weltsynode konsequent und zeitnah umsetzen. Synodalität ist ein wichtiges Gegenmodell angesichts zunehmend totalitärer politischer Entwicklungen in aller Welt.

Wir setzen uns ein für eine Kirche, die endlich die systemischen Ursachen sexualisierter und geistlicher Gewalt sowie deren Vertuschung bekämpft, wie es der Synodale Weg in Deutschland seit 2019 zum Ziel hat. Die beschlossenen (wie auch die nicht beschlossenen) Texte zeigen Wege aus der fundamentalen Glaubwürdigkeitskrise und dem großen Reformstau, der bereits seit dem Ende des Zweiten Vatikanischen Konzils und der Würzburger Synode besteht.

Wir setzen uns ein für die dringend notwendige Erneuerung aller priesterlichen, diakonischen und Leitungs-Dienste, damit sie lebendige Gemeinden vor Ort glaubwürdig zum solidarischen Engagement befähigen. Wir wollen eine Kirche, die Hoffnung gibt, die nah bei den Menschen ist, die sich nicht in XXL-Pfarreien selbst verwaltet und die das Gemeinwohl zum Ziel hat.

Wir setzen uns ein für das Ende der Kriege in aller Welt, für globale Gerechtigkeit und die Bewahrung der Lebensgrundlagen. Wir ermutigen zu einem neuen Aufbruch des 1983 begonnenen Konziliaren Prozesses „Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung“, denn die bisherigen Versäumnisse in der Klima- und Friedenspolitik machen ein konsequentes Handeln nötiger denn je.

Wir erwarten von den Kirchenleitungen, dass sie sich intensiv um ein besseres Miteinander zwischen dem Vatikan und der katholischen Kirche in Deutschland bemühen, damit die verfasste Kirche in Deutschland nicht noch mehr an Relevanz verliert, sondern weiterhin ihren Beitrag für die Menschen in unserem Land und innerhalb der Weltkirche leisten kann.

Wir rufen alle Menschen auf, Junge wie Alte, Alleinlebende, Paare, Geschiedene, queere Menschen: „Habt Mut, steht auf!“ Engagiert euch, mischt euch ein, setzt euch für die Ausgegrenzten ein, gestaltet die Kirche vor Ort und lasst frischen Wind ins Haus! Für eine Kirche ohne Angst, ein offenes Haus, in dem wir Vielfalt und Verschiedenheit leben und feiern.

Wir rufen auf zur Menschenkette „Ich will, dass Du bist…“ für Geschlechtergerechtigkeit in der Kirche. Die von der Initiative #meingottdiskriminiertnicht initiierte Menschenkette soll vom Kiliansdom bis zur Augustinerkirche reichen. Die Reformkräfte (Betroffeneninitiativen sexualisierter und geistlicher Gewalt, katholische Verbände und kirchliche Reformgruppen) sehen sich als Sprachrohr für die große Mehrheit von Menschen, die sich um der Zukunft der Kirche(n) willen für Reformen engagieren. Laut Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung (KMU 2023) halten 96 Prozent der Befragten tiefgreifende Reformen besonders in der (römisch-) katholischen Kirche für notwendig.

 

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