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Menschen werden nicht mehr zu Fällen, Kategorien oder Gegnern

20. März 2026

Es gibt Bibelstellen, die wirken, als seien sie von einem Kirchenrat oder von mir aus von einem Propst mit Seitenscheitel redigiert worden. Und dann gibt es die, die wir am Sonntag im Gottesdienst hören. Ein formvollendetes Drama. Eine Geschichte über Schuld, die nicht enden will. Und vor allem über den Dreck, all den Tinnef, mit dem die müde Welt und das Leben vollgestopft sind. Weil es die Menschen nicht kapieren, spuckt Jesus auf die Erde. Macht aus Dreck und Rotze eine Pampe. Und schmiert sie einem in die Augen. Stellvertetend für alle anderen. „Siehst du es jetzt?“

Kaputte Zwischentür in einem Haftraum zur Toliette.

Der Reihe nach. Ein Mensch ist blind. Er ist so auf die Welt gekommen. Alle diskutieren darüber. Wer ist schuld daran? Er selbst? Vielleicht schon seine dummen Eltern? Irgendwer muss doch verantwortlich sein. Menschen lieben diese Frage. Sie ist der intellektuelle Cousin der Schadenfreude. Irgendjemand muss den Fehler gemacht haben. (Die Bahn! Die Politiker! Der Paketbote!) Jesus antwortet nicht mit einer Theorie. Er macht Dreck. Das ist, wenn man so will, eine ziemlich präzise Diagnose der Welt. Denn der Mann ist nicht nur blind, weil seine Augen nicht funktionieren. Menschen sind oft blind, weil ihnen ständig etwas in die Augen gerät: der ganze Dreck, all der ganze ätzende traurige Tinnef der Welt. Es gibt so viel davon. Zu viel.

„Dreck“ sichtbar machen

Zum Beispiel die Überzeugung, immer recht zu haben. Der kleine moralische Hochsitz, von dem aus man die Welt beurteilt. Das endlose Vergleichen: Wer ist erfolgreicher und bedeutsamer? Der reflexhafte Verdacht gegen alles Fremde. Die beruhigende Erklärung, dass die Probleme anderer Leute vermutlich ihre eigene Schuld sind. All das traurige Zeug, was aus den Schubladen und Schränken quillt ist da noch gar nicht mitgerechnet. Ich glaube, diesen Dreck, diesen Tinnef meint Jesus in der Geschichte. Eine Art geistiger Hausstaub, der sich über die Jahre auf die Augen legt. Man merkt gar nicht, wie blind man wird. Selbst dann nicht, wenn man die Augen aufmacht. Und dann kommt Jesus mit dieser spektakulären Geste. Er macht diesen Dreck mit seiner Rotze sichtbar. Und: Er schmiert ihn über die Nase des Menschen. „Das ist es. Das klebt auf deinen Augen.“

Experten bleiben blind vor Erklärungen

Danach schickt er den Mann zum Teich von Siloah. Nicht irgendein Tümpel. Der Name bedeutet: „Teich des Gesandten.“ Waschen soll er sich dort. Das ist das zweite erstaunliche Detail der Geschichte. Jesus sagt nicht: „Streng dich mehr an. Werde moralisch perfekter.“ Sondern: „Wasch dich. Einmal Wasser über die Augen.“ Im übertragenen Sinn heißt das vielleicht: „Geh dorthin, wo deine Augen sich daran erinnern, dass es sich eigentlich anders verhält. Dass du geliebt bist. Und deswegen dein Herz nicht an den Tinnef hängen oder im Dreck verlieren musst.“ Nimm lieber ein Bad im Teich von dem, der die Liebe bringt. Denn wer sich in dieser Liebe wäscht, sieht plötzlich anders. Menschen werden nicht mehr zu Fällen, Kategorien oder Gegnern. Sondern zu Menschen. Mit Wunden, Hoffnungen, Absurditäten und sogar mit Humor. Der Mensch in der Geschichte sieht nach dem Bad mehr als die Sehenden um ihn herum. Die Experten bleiben blind vor lauter Erklärungen. Der Mensch aber hat das Licht gesehen. Endlich. Wieder gesehen. Ostern und damit die Auferstehung steht vor der Tür.

Peter Otten | Johannes 9, 1-41

 

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