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Andreas Leipold arbeitet als Gefängnispfarrer

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Arbeit hinter Mauern und Stacheldraht: Pfarrer Andreas Leipold vor dem Eingang zur JVA. © Daniel Seeger.

Mauern, Stacheldraht, Kameras: Der Arbeitsplatz von Andreas Leipold ist ungewöhnlich. Der Gefängnispfarrer spricht über seinen Beruf – und warum Weihnachten eine traurige Zeit ist. Meterhohe graue Mauern umgeben den Arbeitsplatz von Dr. Andreas Leipold. Hinter Stacheldraht und überwacht von Kameras, die überall um den großen Gebäudekomplex aufgestellt sind, befindet sich das Büro des Bad Hersfelders.

Im Unterschied zu vielen, mit denen er bei seiner täglichen Arbeit zu tun hat, darf er jeden Abend wieder nach Hause. Andreas Leipold ist Pfarrer in den Justizvollzugsanstalten Hünfeld und Fulda. An den Weihnachtsfeiertagen ist dort die Traurigkeit besonders groß. Doch wie wurde Leipold, der nach Theologiestudium und Promotion ganz klassisch sein Vikariat in Bad Hersfeld absolvierte, zum Gefängnisseelsorger? „Ich hatte ein Schlüsselerlebnis“, erinnert er sich. Als Student nahm ihn ein altgedienter Gefängnisseelsorger in die JVA in Kassel-Wehlheiden mit.

Für den Seelsorger brachte Leipold genau das mit, was ein Gefängnispfarrer braucht: Neugierde und keine einfache Schwarz-weiß-Sicht auf viele Dinge. „Meine erste Reaktion war vollkommene Ablehnung“, sagt der Pfarrer. Die verschwand mit der Zeit. Als die JVA in Hünfeld gebaut wurde, bewarb sich Leipold auf eine Stelle. Seit 2008 ist er als Gefängnispfarrer tätig. „Ein bisschen hat mich auch das Abenteuer gereizt.“

Der evangelische Gefängnisseelsorger Andreas Leipold bei der Feier mit ehrenamtlichen MitarbeiterInnen an der Blockflöte.

Viele hoffen durch den Kontakt auf Vorteile

Kommunikation ist das wesentliche Element seiner Arbeit im Gefängnis. „Die Leute suchen das Gespräch, weil ich eben eine Informationsquelle bin“, sagt Andreas Leipold. Viele versuchen, durch den Kontakt zum Pfarrer Vorteile zu erhalten. Ein Telefonat oder Begleitung beim Ausgang. Regelmäßig geht es auch um konkrete Hilfe. Wer im Winter entlassen wird, dem fehlt es oftmals an warmer Kleidung. Glaubensgespräche gibt es natürlich auch. „Ich komme aber nicht mit der Missionskeule.“ Entscheidender ist das persönliche Gespräch, in dem er Zugang zu den Häftlingen findet. „Meine Haltung ist wichtiger als das, was ich im Einzelnen sage.“ Manchmal fällt ihm dann eine biblische Geschichte ein, die er einfließen lässt.

Einige Gesprächspartner melden sich nach der Entlassung bei ihm – andere trifft er im Gefängnis wieder. „Es ist fast die Regel, dass Gefangene nach ihrer Entlassung irgendwann wieder nach Hünfeld kommen“, sagt der Pfarrer. „Am Anfang war ich enttäuscht. Inzwischen nehme ich das hin.“

Einmal pro Jahr eine Auszeit im Kloster 

Man müsse aufpassen, dass der eigene Zynismus nicht durchbricht. „Dann ist es vorbei“, sagt er. Im Leben von Andreas Leipold gab es eine Zeit, in der das passiert ist. Die Arbeit wurde zur Belastung und machte ihn krank. Da zog es ihn weg vom Gefängnis, hin zur Bundeswehr. Die Stelle als Bundeswehrpfarrer trat er aber nie an.

Kraft zieht Leipold heute aus kleineren Dingen und größeren Auszeiten. „Einmal im Jahr gehe ich für eine Woche ins Kloster“, sagt er. Dort kommt er zur Ruhe und richtet sich neu aus. Im Alltag hilft ihm dabei auch sein Büro. Wie ein typischer Arbeitsplatz in einer Behörde sieht es auf den ersten Blick aus. Wären da nicht die vielen Dinge, die er im Raum platziert hat. Kleinigkeiten, die dem Familienvater viel bedeuten. Zum Beispiel ein altes Playmobil-Schiff. Ein Relikt aus seiner Kindheit: „Wer in seiner Kindheit geliebt wurde, der erinnert sich gern daran zurück.“

Festtage sind im Gefängnis eine besondere Zeit

Einen Weihnachtsbaum sucht man in Leipolds Büro vergeblich. Allerdings sorgte der Pfarrer dafür, dass insgesamt 14 Weihnachtsbäume im Gefängnis aufgestellt wurden. Manche eher spärlich mit nicht mehr als einer Lichterkette dekoriert, andere aufwendig geschmückt. Einige der Gefangenen basteln den Weihnachtsschmuck selbst. „Ein paar sind sehr, sehr kreativ“, sagt Leipold. Mit Begeisterung in der Stimme spricht der Seelsorger über die Gefängniskapelle: „Die ist so ausgestattet, als wäre es der Vatikan.“ Hier findet der ökumenische Weihnachtsgottesdienst statt, den er zusammen mit seinem katholischen Kollegen organisiert.

„Dann wird es auch bei uns tränenreich“, sagt Leipold. „Weihnachten ist schließlich ein Fest der Familie.“ Neben einer Weihnachtsfeier der Häftlinge gibt es besonderes Essen von der Gefängnisküche. Auch Geschenke bekommen die Insassen: „Der Gefangenen-Förderverein stellt für alle ein Weihnachtspäckchen zusammen.“ Mehr Besuch an Weihnachten gibt es allerdings nicht. Die Besuchszeiten sind, wie vieles im Gefängnisleben, streng reguliert.

Auch wenn Andreas Leipold einmal in Pension geht, wird er das Gefängnis wohl nicht mehr ganz los: „Wenn ich jede Stunde, die ich hier verbracht habe, zusammenrechne, kommt schon eine ganz ordentliche Haftstrafe dabei heraus“, sagt der Gefängnispfarrer schmunzelnd. Sein liebevoll eingerichtetes Büro wird er dann aufgeben müssen. „Das wird mir schwerfallen.“

Mit freundlicher Genehmigung: HNA Hessische/Niedersächsische Allgemeine

 

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