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Glaubwürdig das leben, was wir erzählen

Als GefängnisseelsorgerInnen erzählen wir einander vom wachsenden Druck. Von dem, was die Arbeit schwer macht; z.B.: dass uns der Zugang zum Kirchenraum versperrt wird. Was sind mögliche Qualitätsstandards und Notwendigkeiten, um unsere Arbeit gut zu machen; und dabei nicht „krank“ zu werden? Dass das Büro wegen Baumaßnahmen immer wieder woanders sein muss. Und das niemanden anderem besonders wichtig ist. Dass die Flut von Anträgen, und die langen Gespräche manchmal fast erschlägt. Dass immer mehr inhaftierte Frauen psychisch auffällig sind oder werden. Dass wir selber älter werden. Und auf uns, auf unsere Gesundheit, auf unser Alter achten sollten.

 

Die eigene Kraftquelle ist wichtig. Die eigene Spiritualität. Eine eigene, tiefe, ehrliche Gottesbeziehung. Und sich darum zu mühen, auch um glaubwürdig das leben zu können, von was wir erzählen. Glaubwürdig sein. Authentisch. Und bereit, immer wieder herausgefordert zu werden: als Person, als Frau oder als Mann, als SeelsorgerIn, als jemand, der glaubt. Kann ich mich so erleben (und dafür das mögliche tun), dass ich vom Geist Gottes geführt werde… dahin wo ich gebraucht werde? Um was sollte frau/man nicht alles wissen? Und was sollen wir erspüren? Natürlich das, was mit mir selber zu tun hat:

    • die eigenen Grenzen; dass ich nicht alle bedienen kann; wann es mir zu viel wird. Und was mir helfen kann…
    • das Beten vor dem jeweiligen Gespräch
    • die Gespräche so zu ordnen, dass ich nicht drei „schwierigen“ Personen nacheinander begegnen muss
    • das Wissen um die eigene Begrenztheit… dass ich einfach auch nicht alles wissen kann… dass ich einfach müde bin.
    • „Nein“ sagen können.
    • Den Ausgleich suchen, gerade wenn ich sehr viel Belastendes gehört habe.
    • Die „Frauen“ spüren und spiegeln mir, wie es in mir aussieht; was mit mir ist.

Frauen in der JVA im Blick

Wie können wir diese Frauen ansprechen? Mit welcher Sprache? Auch im Gottesdienst? Damit wir sie treffen, in ihrer je eigenen Lebenssituation? Einfache, existenzielle, zielgerichtete, frauengerechte, ernstnehmende, berührende Worte sind gefragt. Und nicht nur Worte. Auch Bilder. Lieder. Es ist gut, von den Frauen zu wissen und offen zu sein für ihr Sein. Für ihre Geschichte. Für ihre Rollen. Viele leben daheim noch die klassische Mutterrolle. Als Versorgerin, mit der großen Sorge um die Kinder. Als Bedienerin und Organisatorin. Welches Frauenbild bringen sie mit? Das von der Person, die weniger verdienst? Die immer noch unter der Ungleichheit zwischen Frauen und Männern leidet.

Sie kommen aus unterschiedlichen Welten, Kulturen. Auch religiös. Manches hört sich abstrus ist. Sieht magisch aus. Eine Frage ist: was ist ihnen hilfreich, was tut gut und verletzt niemanden. Und was macht Angst. Was hilft, die Haft, ja die ganze Lebenssituation tragen zu können. Und ermutigt, das Selbstbild wahr- und ernst zu nehmen und daran zu arbeiten. Ja sogar ermutigt, das Leben mehr in die Hand zu nehmen.

Sie bringen viele Erfahrungen mit. Auch in Beziehungsgeschichten. Sie sind oft Opfer gewesen. Und manche werden immer wieder Opfer. Und wenn Abhängige in der JVA dann clean werden, merken sie erst so richtig ihre Probleme. Schämen sich, weil sie schuldig geworden sind, auch an ihren Kinder. Was im Leben draußen fehlt, wird jetzt richtig bewusst. Bei der vielen Zeit zum Nachdenken. Nachtrauern. Nachfragen… Bei all den Enttäuschungen…

Werden sie sich wieder zudecken, wieder flüchten? Können wir helfen, dass sie sich als Mensch, als Geschöpf Gott, als geliebte Person sehen können? Spüre ich etwas in den Menschen und kann sagen, was bei mir ankommt? Lasse ich mich herausfordern, von manchmal von langem Drogenkonsum gezeichneten, leeren Gesichtern und „Seelen“? Gelingt es Beziehung aufzubauen und etwas Hoffnung zu vermitteln? Vielleicht sogar etwas Liebe erfahrbar zu machen: das Gegenüber ist eine wertvolle Person, in der auch etwas von Gott, von Jesus zu erkennen ist. Gerade in einem Umfeld, in der viele „Frauen“ eher destruktiv, voller Unzufriedenheit und mit viel Neid miteinander umgehen, sich gegenseitig das Leben schwer machen, die Anwesenheit Gottes greifbarer machen, in der jeweiligen Lebensbiographie.

Die Justizvollzugsanstalt im Blick

Sie, diese Organisation macht es auch schwer. Und es ist gut, viel davon zu wissen, wie sie funktioniert und tickt. Was da gemacht wird. Und wie, körperlich oder psychisch Kranke in so einem System behandelt werden. Wie Frauen, die Opfer sind, wieder ihre Ohnmacht erfahren. Auch um das zu wissen, was hilfreich sein kann; welche Gesprächs- und Beratungsangebote, dass es gibt; welche Möglichkeiten, sich sinnvoll zu beschäftigen, Therapie zu machen, Bilder zu malen, Texte zu schreiben…

Als SeelsorgerIn bin ich als Frau oder als Mann im Arbeitsfeld Justizvollzug sehr gefordert, herausgefordert: im Umgehen mit mir selbst, als jemand, der täglich älter; jemand, der viel Begrenztheit erfährt, auch bei sich selber;
in der Begegnung mit vielen Menschen. Inhaftierten und Beschäftigten. Menschen unterschiedlichen Charakters, mit verschiedensten Lebensgeschichten, seinen Regeln und seiner Struktur und seinen „Mauern“. Ist und bleibt es auch Lernfeld? Damit ich nicht nur älter werde, sondern auch reifer und menschlicher, „christlicher“?

Richard Willburger | JVA Aichach

 

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