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Jeder Mensch hat einen Namen und hinterlässt eine Spur

20. Dezember 2021

Die Bielefelder Initiative „Unbedacht Verstorbene“ verhindert anonyme Beisetzungen Inhaftierter. Herr H. arbeitet in der Gärtnerei. Es ist Frühjahr. Gemeinsam mit dem Gartenbeamten wird Kohl in die Hochbeete gepflanzt. Im Hafthaus Senne der Justizvollzugsanstalt Bielefeld-Senne ist vieles auf die Lebensälteren abgestimmt: An einem Hochbeet müssen sie sich nicht bücken. Herr H. mag die Arbeit an diesem Ort. Er ist schon lange in Haft, hat mehrere Stationen hinter sich und ist seit geraumer Zeit hier im Offenen Vollzug untergebracht.

Letzte Ruhestätte für Herrn H.: Sennefriedhof mit Gräberfeld und Stele. Foto: Biermann

Er liebt die Arbeit mit den Pflanzen, ist zuverlässig, sorgt dafür, dass auch am Wochenende alles ausreichend gewässert wird. Im Augenwinkel sieht der Beamte eine Bewegung. „He, was soll das, machen Sie doch weiter!“, sagt er noch. Herr H. liegt vorn übergebeugt im Beet und rührt sich nicht mehr. Der Beamte reagiert sofort, ruft Unterstützung herbei, die Rettungskette setzt sich in Gang, doch jede Hilfe kommt zu spät. Herr H. ist tot. Alle sind entsetzt und schockiert und darin miteinander verbunden. Der plötzliche Tod löst viele Fragen aus: „War er krank?“ „Hat man sich genug gekümmert?“ „Das ging alles so schnell, sogar ein Hubschrauber war da!“ Und: „Mensch, ausgerechnet der, war ein feiner Kerl!“

Es gibt viel Gesprächsbedarf. Manchmal schimmert die Befürchtung hindurch: „Was ist mit mir?“ „Wird mir auch so etwas passieren?“ „Ich bin viel älter als der und habe noch Jahre in Haft vor mir…“ In ökumenischer Verbundenheit bereiten wir einen Abschiedsgottesdienst vor. Es kommen viele, nicht ausschließlich Inhaftierte. Die uralten Worte der Psalmen tragen auch jetzt, Gedanken zum Verstorbenen lassen seine Person erkennen. Am Kerzenbaum kann jeder seine eigenen Gedanken ausgesprochen oder still vor Gott bringen. Herr H. hat keine Angehörigen. Die Urne mit seiner Asche würde anonym beerdigt.

Doch die in Bielefeld im Jahr 2013 gegründete Initiative „Unbedacht Verstorbene“ kann diese Art der Beisetzung verhindern. Auf einem besonderen Gräberfeld des Sennefriedhofs werden die Urnen beigesetzt. Anschließend fertigt ein Steinmetz große Tafeln mit den Namen der Verstorben an, die am Gräberfeld verlegt werden. An einer Stele daneben mit der Aufschrift: „Jeder Mensch hat einen Namen – jeder hinterlässt eine Spur“ können Blumen platziert werden.

Wochen später, es ist mittlerweile Sommer, erreicht uns die Nachricht: Die Platte mit dem Namenszug von Herrn H. ist endlich verlegt worden. Wir laden ein, diesen Ort gemeinsam aufzusuchen. Mit einer kleinen Gruppe stehen wir da, singen noch einmal unverdrossen Herrn H.‘s Lieblingslied „Geh aus mein Herz“ und setzen die mitgebrachten Blumen in die Vasen. „Ja, dieser Platz hätte ihm gefallen, viel Natur, herrliche Bäume, jetzt wissen wir, wie es aussieht und das ist gut so“. Wie nach jeder „normalen“ Beerdigung tun wir uns etwas Gutes. Herr H. hat unheimlich gerne Eis gegessen. Da ist es nur folgerichtig, dass wir uns in eine Eisdiele begeben und es uns auf seinen Namen richtig gut gehen lassen.

Daniela Bröckl + Elisabeth Biermann | Quelle: Aufschluss

 

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