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Im Knast war ich als Seelsorger am meisten gefordert

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Ein Inhaftierter zeichnet seine Silhouette im Rahmen eines Projektes mit Studierenden. Foto: 4x im Gefängnis.

Entdecker, Bibelfan, Zuhörer und Wegbegleiter – so möchte ich die Schwerpunkte meines Tuns als Mensch, als Vater und als Seelsorger kennzeichnen. In den verschiedenen Phasen meines Lebens hat die eine oder andere Rolle mal mehr, mal weniger im Mittelpunkt gestanden. Schon als Jugendlicher habe ich die neuen geistlichen Lieder in den sogenannten Jazz- und Beatmessen, das Experimentieren in der Liturgie, das Lesen in der Bibel und das Gespräch mit Gleichaltrigen über den Glauben, über die Fragen des Lebens und die Erfahrungen mit der konkreten Kirche geliebt. Das Mittun in der Jugendarbeit und dann auch in der Gemeinde sind schuld, das ich mich nach längerem Suchen nach einem für mich passenden Beruf für das Theologiestudium und für die Bewerbung um eine Stelle im pastoralen Dienst der Kirche entschieden habe.

Schon als Kind habe ich mich für die kleinen Dinge am Wegesrand oder abseits der Wege interessiert. Was gab es da nicht alles zu entdecken? Steine, Blumen, Käfer, Kaulquappen und vieles andere mehr. Diese Vorliebe für die kleinen Dinge in der Natur habe ich mein Leben lang beibehalten. Ich habe versucht, das Interesse meiner Kinder dafür zu wecken. Noch heute weiche ich im Wald gerne vom Wege ab, um querfeldein auf Entdeckungsreise zu gehen. Beim Lesen in der Bibel habe ich viele Personen und viele Geschichten entdeckt, die meine Fragen, meine Zweifel und meine Nöte auch haben und die sich mit ihren Fragen, Zweifeln und Nöten Gott anvertraut haben. In meinem ehrenamtlichen Engagement und an meinen Einsatzstellen sind mir viele Menschen begegnet, mit denen ich deren oft verborgene Fähigkeiten und Talente entdeckt habe.

Das Leben hinterlässt Spuren. Eine Scheune nach einem Sturm in Hille (Ostwestfalen).

Bibel als Korrektiv

Die Bibel ist für mich das wichtigste Buch der Kirche und ein wichtiger Bestandteil der Weltliteratur. Die Bibel ist für mich die Autorität in meinem Glauben. Zugleich ist die Bibel das wertvollste Korrektiv zu dem Gebaren der kirchlichen Hierarchie und dem Machtmissbrauch in der Kirche. Damit kein Missverständnis entsteht: ich liebe die Kirche, der ich – zusammen mit meinen Eltern und Großeltern – meinen Glauben verdanke, und eben auch die Bibel.
Ich renne nicht mit der Bibel in der Hand durchs Krankenhaus, durch die Gemeinde, durch meine Familie. Ich habe auch nicht für jede Lebenssituation das passende Bibelwort parat. Aber ich schätze die Heilige Schrift als einen wertvollen Schatz für mich selbst und für die Menschen, denen ich als Seelsorger begegne.

Große Reden halten, mit vielen Gesprächsbeiträgen die Aufmerksamkeit der anderen auf mich ziehen, die Rolle des Hauptamtlichen als der Bestimmer und Alleswisser zu missbrauchen, waren nie mein Ding und sind es auch heute nicht. Ich höre erst einmal zu, wenn ich (neu) in eine Gemeinschaft von Menschen komme, checke gerne zunächst die Situation und die Rollenverteilung im interaktiven Geschehen, bevor ich mich äußere. Diese Haltung hat es mir leicht gemacht, mit Menschen, die eher am Rande stehen, in Kontakt zu treten. Diese Haltung hat mir geholfen, als Seelsorger im Gefängnis Menschen zu begegnen, die voller Fragen, voller Sorgen und voller Schuldgefühle sind.

Meine “Karriere”

Ich sehe meine Rolle im Zusammenleben und in der Begegnung mit anderen Menschen darin, gemeinsam mit mir seine Fähigkeiten und seinen Wert zu entdecken und zu entwickeln. Was ist Erziehung von Kindern anderes? Die Kinder auf ihrem Weg ins Leben zu begleiten war mir ebenso wichtig wie jungen Menschen in der Gemeinde zu Eigenverantwortung und Übernahme von Aufgaben zu begleiten oder Gefangene begleitend zu unterstützen, ihrem Leben einen neuen Sinn zu geben. In der Jugend- und Gemeindearbeit sehe ich meine Rolle darin, mein theologisches Wissen, meinen Glauben und meine Berufserfahrung behutsam und unaufdringlich einzubringen, damit die Menschen, mit denen ich zusammen bin, ihren Weg gehen, ihre Aktion planen und durchführen, ihren Beitrag leisten können.

Zum 1. Oktober diesen Jahres gehe ich nach 36 Berufsjahren im pastoralen Dienst in Ruhestand. Meine „Karriere“ begann wie bei den meisten Gemeinde- und Pastoralreferenten in einer Gemeinde. Jugendarbeit, Erstkommunion- und Firmvorbereitung, waren die Schwerpunkte auf meiner ersten Stelle in Wuppertal. In Monheim war ich dann wieder für Jugendarbeit und Firmvorbereitung zuständig. Schwerpunkte waren besonders die Begleitung des Teams in der Offenen Jugendeinrichtung und später die Vorbereitung und die örtliche Organisation des Weltjugendtages. Von 2005 bis 2013 habe ich als Seelsorger in der JVA Köln-Ossendorf gearbeitet. Seit 2013 bin ich mit zwei halben Stellen in der Krankenhausseelsorge in Langenfeld und in der Gemeindeseelsorge in Hilden und Haan eingesetzt. In Hilden habe ich wieder das Team der Offenen Jugendeinrichtung begleitet, bis die Einrichtung im vergangenen Jahr geschlossen wurde. An allen Stellen habe ich mich auch in der Ökumene engagiert. An allen Stellen habe ich gerne Beiträge für den Pfarrbrief geschrieben. Ich habe auch immer gerne gepredigt.

Im Knast am meisten gefordert

Rückblickend möchte ich sagen: Im Knast war ich als Seelsorger am meisten gefordert. Hier habe ich den Wert von Einzelgesprächen, von persönlicher Begleitung, von Wertschätzung anderer Menschen kennen gelernt. In der Gefängnisseelsorge war ich als Entdecker, als Mann der Bibel, als Zuhörer und als Wegbegleiter gefragt. Als Pastoralreferent habe ich die Arbeit in der Justizvollzugsanstalt als größte persönliche Herausforderung erlebt. Ich habe damals, als ich im Gefängnis zu arbeiten begann, und später, als ich nicht mehr in der Gefängnisseelsorge arbeiten durfte, und nicht zuletzt bis heute eine kritische Haltung zum Sinn des Justizvollzugs behalten. Welchen Sinn hat es, einen Menschen, der eine oder mehrere strafbare Handlungen begangen hat, von Staats wegen einzusperren, der Außenkontakte zu berauben mit seiner Schuld, seinen Sorgen und Ängsten allein zu lassen? Die wenigsten Menschen werden durch das Verbüßen ihrer Haftstrafe resozialisiert. Das Ziel der Resozialisierung, wie es in den Strafvollzugsgesetzten geschrieben steht, wird nicht unterstützt durch eine Vielfalt an Maßnahmen, in denen die Inhaftierten zu einem Leben ohne Straftaten angeleitet werden.

Ich weiß, wovon ich spreche. Ich habe zu mehreren Gefangenen, die ich in meiner aktiven Zeit im Justizvollzug begleitet habe, über Jahre den Kontakt gehalten. Mit einigen von Ihnen stehe ich noch heute in Verbindung. Ich habe einen mittlerweile 30jährigen Sohn, der als Jugendlicher „auf die schiefe Bahn“ geraten ist und zunächst ein Jahr Jugendstrafe abgesessen und später dreidreiviertel Jahre im Vollzug gewesen ist. Das Ergebnis: keinen weiteren Schulabschluss, keine Berufsausbildung, keine Therapie. Mein Sohn sagt heute: Ich habe zehn Jahre meines Lebens verloren. Ich bereue kein einziges Jahr in meinem Lebenslauf.

Als “Rentner” Neues entdecken

Ich habe einige Umwege hinter mir, die mich dennoch bereichert haben, die mich viel haben entdecken lassen, die mir wichtige Begegnungen und Erfahrungen geschenkt haben. Ich stehe weiterhin zur Kirche, trotz all ihrer Unzulänglichkeiten, trotz ihres andauernden Machtmissbrauchs, trotz des skandalösen Umgangs mit der Aufarbeitung der sexuellen Gewalt durch ihre Amtsträger. Kirche ist mehr, Kirche bin auch ich, Kirche ist die Gemeinschaft derer, die Gott suchen und Jesus nachfolgen wollen. Ob ich mich auf den Ruhestand freue, vermag ich noch nicht zu sagen. Ich arbeite immer noch gerne, und die Familie fordert mich noch immer. Ich bin aber zuversichtlich, dass ich als Rentner Neues entdecken werde, was mein Leben sinnvoll erhält, was mich herausfordert, was mir Freude macht.

Robert Eiteneuer

 

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