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Wenn man nicht mehr lebendig rauskommt

Was bleibt mir noch vom Leben im Knast?
30. August 2019

Die Zahl der Häftlinge im Rentenalter steigt seit Jahren. In der Gefangenenseelsorge werden immer häufiger Fragen des Alterns behandelt. Wie ist es, wenn man als Rentner erstmals straffällig wird und plötzlich im Gefängnis landet? Wie fühlen sich ältere Männer, wenn sie auf ein Leben mit vielen Jahren in Haft zurückblicken? Ein Einblick in den Offenen Vollzug der Justizvollzugsanstalt Bielefeld-Senne.

„Dies hier sind die Duschen und Gemeinschaftstoiletten. Auf den Hafträumen gibt es keine“, erklärt Frank Baucke, uniformierter Mitarbeiter der größten offenen Justizvollzugsanstalt Europas, der JVA Senne bei Bielefeld. Er führt durch die Abteilung für  lebensältere Gefangene. Solche Einrichtungen haben in den letzten Jahren immer mehr Bundesländer ausgestattet, damit dort auf die speziellen Bedürfnisse älterer Menschen eingegangen werden kann. Die zwei Etagen mit ihren 87 Haftplätzen sind die  bundesweit größte Abteilung für Gefangene ab 60 Jahren. Auf den Fluren gibt es genug Raum für Rollatoren, neben den Toiletten sind Haltegriffe angebracht, in den Duschen stehen Sitzhocker und die Zellenfenster haben keine Gitterstäbe.

Das Gefängnispersonal hat die Aufgabe, eine menschenwürdige Behandlung der älteren Männer sicherzustellen. Besonders arbeitsintensiv ist die Betreuung verletzungsanfälliger Häftlinge. Frank Baucke öffnet die Tür der Zelle des Gefangenen Bruno H. Der Mann sitzt in weißem Unterhemd auf seiner Bettkante. Ein großer Bluterguss ziert sein Gesicht. Zwei Tage zuvor ist er während  eines Ausgangs gestürzt. „Die Wunden sind aber noch grün und blau“, bemerkt Frank Baucke. „Der Arzt hat aber nichts gefunden“, antwortet der Häftling. „Sie wissen nicht, weshalb sie umgefallen sind?“ „Weil ich am Morgen nur einen Kaffee getrunken habe.“ „Das ist nicht genug, Herr H. Sie müssen trinken, trinken, trinken. Nicht Kaffee, sondern Wasser.“ Heute macht Bruno H. den Eindruck eines hilfsbedürftigen alten Mannes, aber früher war er mal ein gewiefter Bankräuber.

Im Rentenalter hat er etwas Neues versucht. „Ich habe Drogen gefahren, von Holland nach Deutschland. Das waren größere Mengen, ein Kilo Koks und drei Kilo Gras.“ Er wurde erwischt, versteht aber trotzdem nicht wirklich, wieso er dreieinhalb Jahre Haft bekommen hat. Die Strafe sei zu hoch, meint er. „Im Vergleich zu meiner kriminellen Vergangenheit sind solche Drogenfahrten Kleinigkeiten. Aber ich kann halt keine Banküberfälle mehr machen. So ist das eben. Das war mein Leben und dafür habe ich gebüßt.“

Zeit für Gespräche

Nicht wenige Häftlinge der Abteilung haben alterstypische Beschwerden: erste Anzeichen von Demenz, Diabeteserkrankungen, Kreislauf und Herzprobleme. Notwendige Behandlungen übernehmen ein Krankenpfleger und ein eigens dafür angestellter Arzt. Zudem kümmert sich die Pastoralreferentin Daniela Bröckl um die psychische Gesundheit der Männer. Sie arbeitet seit acht Jahren im Strafvollzug, wo die Leute viel Zeit haben, über ihr Leben nachzudenken. Dabei kann eine mitfühlende Gesprächspartnerin sehr wertvoll sein. Bröckl hat festgestellt, dass sich die älteren Häftlinge häufig mit ähnlichen Fragen beschäftigen: „Warum bin ich noch auf die schiefe Bahn geraten? Wieso habe ich das meiner Familie, meiner Frau, meinen Angehörigen angetan? Und wie geht es weiter, wenn ich 75 bin und noch fünf Jahre Haft vor der Brust habe? Da besteht die Möglichkeit, dass ich nicht mehr lebendig rauskomme.“ Die deutsche Bevölkerung wird im Schnitt immer älter und so auch die Population in den Gefängnissen.

Die Gefängnisseelsorgerin aber meint, soziale Faktoren würden mindestens ebenso sehr zum Anstieg der Zahl älterer Häftlinge beitragen wie der  demografische Wandel. Als Beispiel nennt sie zunehmende Altersarmut: „Leute, die auf irgendeine Weise ihre Wohnung verlieren, landen auf der Straße und werden straffällig. Das gibt es wirklich. Aber es kommen auch Männer hierher, die ihr Leben lang viel Geld hatten und dann irgendwann die Grenze überschreiten und gegen das Gesetz verstoßen. Internetbetrug zum Beispiel oder Insolvenzverschleppung.“

Selbstverwaltetes Kirchencafé

Die Verwaltung des Hafthauses eröffnet der Seelsorge einen breiten Gestaltungsspielraum. So war auch die Einrichtung eines Kirchencafés möglich. Den Verkauf von Kaffee und Kuchen koordiniert der Häftling Klaus H. „Dieser Treff wird von dem Verein für Gefangenenseelsorge gesponsert. Hier können Häftlinge zusammenkommen, Gespräche führen, was trinken, was essen, relativ preisgünstig.“ Sich selbst zählt Klaus H. noch nicht zu den Alten. Er ist Anfang 60 und kennt die Atmosphäre in anderen  Gefängnissen. Unter den jüngeren Häftlingen geht es oft sehr viel rauer zu. „Dann sind die Älteren ziemlich isoliert, weil sie viele Sachen nicht mehr mitmachen können. Sport zum Beispiel. Hier sind sie mit Gleichaltrigen zusammen. Das tut vielen gut.“ Auch Klaus H. unterhält sich gerne mit den Besuchern des Gefängniscafés, denen er Kaffee einschenkt und Süßigkeiten verkauft. „Hier werden Spannungen abgebaut, weil die Leute frei reden können. Durch das offene Sitzen und die vielen Kontakte spürt man ein bisschen Freiheit. Das ist ein guter Kontrast zu den Hafträumen.“

Häftlinge wie Klaus H. oder Bruno H. kennen die Haftbedingungen in unterschiedlichen Anstalten. Aber es gibt auch Männer, die früher nie straffällig geworden sind. Einer dieser Häftlinge ohne Vorerfahrung arbeitet in der Bibliothek. Der Rechtsanwalt wurde wegen Beihilfe zum Betrug an einem Mandanten verurteilt. „Früher war ich öfters im Gefängnis, aber in anderer Funktion“, erinnert er sich. „Gefangener war ich nie. Insofern kann ich die Situation nicht mit anderen Einrichtungen vergleichen. Aber mir scheint schon, dass das hier eine sehr liberale Geschichte ist. Das scheint mir angemessen zu sein, zumindest für ältere Leute, die kein Kapitalverbrechen begangen haben.“ Der Experte für Steuerrecht beteuert seine Unschuld und will sich nach seiner Entlassung darum bemühen, seinen Namen reinzuwaschen. „Es ist schon ein Drama, wenn man seinen Job 35 Jahre lang ohne Fehl und Tadel gemacht hat und dann so einen Schlag ins Gesicht bekommt, kurz vor der Rente.“

Auch der Anwalt kommt öfters ins Kirchencafé. Dort tauschen sich einige Häftlinge über ihre Erfahrungen mit der Seelsorge aus und animieren sich gegenseitig, Kontakt aufzunehmen, egal, ob sie Interesse an Kirche haben oder nicht. „Ich höre immer wieder, wie wertvoll die Gespräche für die Gefangenen sind“, sagt Klaus H. „Wenn es keine Seelsorge gäbe, dann würde etwas ganz Wichtiges fehlen.“

Andreas Boueke | Mit freundlicher Genehmigung: Der Dom – Kirchenzeitung Erzbistum Paderborn

 

Bielefeld-Senne

 

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