Der verstorbene Moraltheologe Volker Eid sprach in seinen Vorlesungen regelmäßig von der Ambivalenz der Entscheidungsfreiheit und des Entscheidungszwanges. Zitat: „Wir sind uns aufgegeben“ und damit meinte er, dass uns unser Leben wie eine Hausaufgabe aufgegeben sei, die wir zu erfüllen hätten.
Umgekehrt würden wir unser Leben aufgeben, wenn wir die Aufgabe, diese Welt zu gestalten, nicht annähmen. Doch die einerseits uns offen stehende Freiheit, wählen und entscheiden zu dürfen, beinhaltet gleichzeitig den Zwang, Entscheidungen treffen zu müssen, weil wir uns nicht an unveränderlichen Rahmenbedingungen halten können.
Hoffnungsvolle Perspektiven?
„Zur Freiheit berufen – Möglichkeiten und Grenzen der Gefängnisseelsorge im Justizvollzug“ – lange haben wir im letzten Herbst darüber diskutiert, wie man dieses weite Feld innerhalb einer Woche thematisch gut abbilden kann. Hinter all den konkreten Beispielen, die wir in den Workshops betrachten wollen, und die von zwei theologischen Vorträgen eröffnet werden, steckt – sozusagen als gemeinsamer Nenner – dieselbe Ambivalenz, die Volker Eid seinerzeit thematisiert hatte: Im Vollzug steckt eine Vielzahl von theoretischen Möglichkeiten. Und diese fordern Alle heraus, die mit dem Vollzug verantwortungsvoll umgehen: Wie können wir das Instrument des Vollzugs so weiterentwickeln, dass es uns gemeinsam gelingt, Menschen, für die wir zeitweise keine andere Möglichkeit sehen, als sie einzusperren, so zu begleiten, zu unterrichten, ihnen ins Gewissen zu reden, mit ihnen eine neue hoffnungsvolle Perspektive zu suchen, dass wir unsere Möglichkeiten voll ausschöpfen.
Neues ausprobieren wird ausgebremst
Dies alles findet aber in einem engen Korsett statt: Was kann eine Behörde denn wirklich stemmen angesichts knappen Personals? Wie viel Verständnis findet ein pädagogischer Vollzug in der Gesellschaft, die offensichtlich immer mehr in das Spinnennetz undemokratischer Strukturen eingewickelt wird? Wie sollen Vertrauensvorschuss gegenüber einzelnen Inhaftierten begründet und umgesetzt werden, wenn andererseits die Sicherheitsauflagen weiter angehoben werden? Ich habe den Eindruck, dass unter der Maßgabe „es darf nichts passieren“ beginnenden bei den Anstaltsleitungen über den allgemeinen Vollzugsdienst bis hin zu den Fachdiensten eine Grundspannung erzeugt wird, die das Arbeiten unter einen Dauerdruck setzen und damit Innovation und Bereitschaft, Neues zu probieren deutlich ausbremsen.
Wertvolle Kooperationen
Innerhalb dieser beschriebenen Atmosphäre müssen wir gemeinsam den Blick offen halten, dürfen wir uns die Chance auf Innovationen nicht wegnehmen lassen. Ich freue mich, dass wir heute deswegen auch – stellvertretend für alle Leiterinnen und Leiter von Vollzugsanstalten in NRW – bei uns zu Gast haben dürfen. Sie zeigen damit, dass Ihnen die Zusammenarbeit und die Suche nach einem menschenwürdigen und ethisch zu betrachtenden Vollzug wichtig ist und Sie gemeinsam mit uns nach den Möglichkeiten suchen, die bestehenden Grenzen so gut wie möglich auszufüllen und an der einen oder anderen Stelle auch zu überwinden. Für dieses Interesse und für die wertschätzende Zusammenarbeit ist Ihnen die Gefängnisseelsorge – und ich denke, das werden unsere Geschwister der evangelischen Seelsorge und unsere Kollegen der muslimischen Seite sicher genauso sehen – ausdrücklich dankbar! […] Mit persönlich tut es gut, zu wissen, wie viele weitere Menschen in der Gefängnisseelsorge aktiv sind, wie es auch über Konfessionen und Religionen hinweg wertvolle Kooperationen gibt. Ich darf sagen, dass mir die Gruppe der Seelsorgenden in diesem Feld so etwas wie eine Heimat geworden ist, wofür ich dankbar bin.
Meine engen Grenzen, meine kurze Sicht bringe ich vor Dich! Wandle sie in Weite – Herr erbarme Dich.
Viele kennen dieses Kirchenlied und es beschreibt einerseits die Grenzen, in denen wir Menschen leben und handeln. Gleichzeitig wird Gott aufgefordert, jenseits der menschlichen Begrenztheit die Weite und das Unvorstellbare hereinzubringen. Analog zum Thema unserer Studientagung… Als spirituelle Menschen verstehen wir diese Studientagung nicht rein als ein Treffen unter uns, sondern unter dem Horizont einer Kraft, die über das Menschliche hinaus uns leitet und begleitet. Und so ist es seit vielen Jahren eine schöne Tradition, dass wir gemeinsam diese Studientagung mit einem Lied an den Heiligen Geist beginnen. Möge uns Gottes Geist nicht nur in dieser Woche begleiten, möge er uns Kraft schenken, wo uns die Luft ausgeht, und möge er uns auch die Freude schenken, dass wir nicht nur irgendeinen Job erfüllen, sondern in einem Bereich arbeiten dürfen, in dem wir ÜberzeugungstäterInnen sind!
Andreas Bär





