Im April 2026 empfahl Kardinal Reinhard Marx vom Erzbistum München und Freising allen SeelsorgerInnen die Handreichung der Bischofskonferenz „Segen gibt der Liebe Kraft“ zur Grundlage ihres pastoralen Handelns werden zu lassen. Darin finden sich Segensrituale für Menschen, die nach einer Scheidung in einer neuen Beziehung leben, und für gleichgeschlechtliche Paare.
Das ist eine Segenspraxis, entstanden auf synodalem Weg, zu der in mehreren Bistümern ausdrücklich eingeladen wird. Dass Menschen in ihrem Menschsein mit der Befähigung zu Liebe und Treue ein Segen sind, unabhängig von ihrer geschlechtlichen Orientierung, ist biblische Grundaussage. Dennoch wird diese längst noch nicht von allen in der Kirche geteilt.

Blick aus dem Fenster der Holzwerkstatt von Marion Jochner in Oberammergau.
Mächtige Wahrheitsansprüche im Weg
Einige Kardinäle und Bischöfe bekämpfen vor allem queere Menschen immer noch als sündig – und das umso heftiger, wenn Kleriker selbst homosexuell-liebend orientiert sind. Selbstverständlich ist ein solcher kirchlicher Aufbruch aus der schon lang andauernden dogmatischen Engführung mit entsprechender Verurteilungspraxis nicht. Zwar wächst an der Basis das Bewusstsein für ein vielfältiges Miteinander, doch es stehen auch noch mächtige Wahrheitsansprüche im Weg. Die finden sich ganz alltäglich im eigenen Denken und machen sich bemerkbar im Urteilen sich selbst und anderen gegenüber. Da stellt uns das Gleichnis im Matthäus-Evangelium eine wichtige Frage.
Sich selbst zu göttlichen Richtern aufspielen
Zwei, so heißt es dort, sind beauftragt, im Weinberg ihren Dienst zu tun. Weinberg, das ist in biblischer Sprache das menschliche Miteinander im Anspruch, Gottes Wirklichkeit zu leben. Wer darin Dienst tut, sollte im besten Fall segensreich wirken. Nun sagt die erste Person, sie gehe nicht – besinnt sich aber und geht doch. Die zweite Person sagt: Ja, ich gehe – und tut das nicht. Wer von beiden erfüllt den Willen Gottes, fragt Jesus die Schriftgelehrten. Das Eine ist, Ja oder Nein zu sagen, ein anderes ist, zur Stelle zu sein, wenn es drauf ankommt. Manchmal braucht es dafür das Überwinden eigener festgewordener Meinungen. Nein-Sager mit dem Mut, dann doch was zu tun, bewirken mehr als Ja-Sager, die beim bloßen Lippenbekenntnis stehen bleiben. Mit diesem Gleichnis entlarvt Jesus Schriftgelehrte, die von Gott künden und doch die göttliche Wirklichkeit in den Menschen nicht achten. Schlimmer noch, die sich in der Verachtung anderer selbst zu göttlichen Richtern aufspielen. Demgegenüber erfüllen Gottes Willen die, die die Liebe leben, obwohl sie als nicht gläubig, unrein oder sündig gelten.
Nicht festgelegt auf das, was ich gestern sagte
So klar das Gleichnis Jesu den Willen Gottes hervorhebt, so barmherzig und ermutigend ist es auch. Ich darf meine Meinung ändern, ich bin nicht festgelegt auf das, was ich gestern noch sagte. Ich bin befähigt, jederzeit auch neue Wege zu gehen. Da braucht es ein Gespür für das, was jetzt dran ist. Meinungen, Erklärungen und Belehrungen gibt es viele, doch was es wirklich braucht, ist nicht das Reden drüber, sondern ein Handeln im Hier und Jetzt aus ganzem Herzen. Manchmal überrascht es uns, wozu wir fähig sind in schwierigen Situationen. Ich hätte nie gedacht, dass ich das schaffe, sagen wir dann. Ich erlebe Menschen, die durch eine schwere Erkrankung hindurch ihr Leben völlig neu ordnen. Die bewegende Frage darin ist: Worum geht es wirklich? So geraten womöglich lang verschüttete Werte neu in den Blick. Was wir in solchen Situationen unerwartet neuen Handelns loslassen, ist das eigene ICH, groß und fest geworden in Konditionierungen und Ansprüchen sich selbst und anderen gegenüber. Das Gleichnis Jesu wirbt dafür, beflügelt im Segen Gottes vom Klotz des eigenen ICH ins Ungewisse einer entgegenkommenden Zukunft zu springen, annehmend, dass in ihr auch Gott selbst entgegenkommt. Im Weinberg Gottes geht es nicht um die Sicherung des Eigenen, sondern um das Werden- und Reifenlassen der guten Saat, die längst verstreut ist – sogar dort, wo ich sie gar nicht (mehr) erwarte. Mit diesem Zutrauen auch in schwierige Begegnungen gehen, kann diese überraschend segensreich beflügeln.
Christoph Kunz | Matthäus 21, 28-32





