Das Wahlergebnis in Sachsen-Anhalt erschüttert. Es gab noch Hoffnung, dass es nicht so schlimm wird, dass doch eine deutliche Mehrheit stabil für Menschenwürde und Demokratie sein würde. Noch am Samstag vor der Wahl auf dem Magdeburger Domplatz fühlte man sich aufgehoben mit 10.000 anderen in der Achtung von Vielfalt und Respekt. „Jetzt muss ich wahrnehmen, dass annähernd jede zweite Person, die mir begegnet, eine Meinung hat, die mit meinen Werten völlig unvereinbar ist“, sagt Christoph Kunz, ehemaliger Gefängnisseelsorger, der in der Universitätsklinik in Magdeburg arbeitet.
Das alles verunsichert und beängstigt. Wie einander begegnen? Worüber sprechen und worüber besser nicht? Soll ich schweigen von dem, was mir doch wichtig ist? Die Gräben sind tief – und sie sind es nicht plötzlich. Längst ist das Gift von Gier, Missgunst und Spaltung eingedrungen in unsere in Reichtum und Sicherheit verwöhnte westliche Gesellschaft. Und das so sehr, dass urchristliche Werte von Nächstenliebe, Solidarität, Gastfreundschaft und dem Auftrag, großzügig zu teilen, höchstens noch als Luxus gelten, den man sich in all den Krisen kaum mehr leisten könne.
Es wird offenbar, was lange unter der Oberfläche brodelte
Auch wenn manche noch versuchen, Frust, Wut und Hass von oben herab als Abgründe in den anderen zu sehen, müssen wir anerkennen, dass ein Gift wirkt, das offensichtlich menschlich in uns allen sehr nahe liegt. Ein aufeinander Dreinschlagen hilft nicht, es verlängert nur den Kreislauf von Gewalt und spitzt ihn zu. Wenn wir ehrlich von einem „Wir“ sprechen wollen, kann dieses nur alle miteinander beinhalten und nicht noch irgendein „die anderen“ entgegensetzen. In diesem Wir sind wir im Land Sachsen-Anhalt, in Deutschland und weltweit unterwegs. Das macht es nicht leichter – im Gegenteil: das Anerkennen der Verbundenheit über alle Grenzen hinweg stellt die große Herausforderung dar. So gesehen kann das Wahlergebnis in Sachsen-Anhalt als ein deutlicher Weckruf verstanden werden. Es wird offenbar, was lange unter der Oberfläche brodelte. Jetzt können und müssen wir damit umgehen.
Schluss mit dem gegenseitigen Aufrechnen
Nicht siebenmal, sondern siebzigmal siebenmal sollst du verzeihen – sagt Jesus dem Petrus. Beim Verzeihen, so das Evangelium Jesu, gibt es kein Berechnen, es gilt immer und immer wieder. Um diese Botschaft nicht als eine nur für Heiligmäßige völlig Alltags-unbrauchbar werden zu lassen, müssen wir sie ehrlich, in unseren eigenen Bedingtheiten und Grenzen anschauen und dahinein wirken lassen. Schon in mir selbst halte ich manches für unverzeihlich, ebenso aber bei den anderen. Leidvolle Erfahrungen aus frühen Beschämungen, Unrecht, Zurücksetzung, Gewalt wiegen schwer. Darin sich selbst und allen anderen immer wieder zu verzeihen – ist das nicht wie eine Missachtung von Leid? Soll Versagen einfach weggewischt werden, als wenn nichts wäre? Nein, das kann nicht Aussage des Evangeliums sein, das steht der Botschaft Jesu entgegen. Verzeihen kann nur gelingen, wo Versagen und Schuld anerkannt sind. Trotzdem bricht das Evangelium mit einer naheliegenden Gewohnheit: es soll Schluss sein mit dem Aufrechnen und Abrechnen von Schuld bei den anderen, denn das verleitet uns, im Namen von Gerechtigkeit Rache zu üben und mit ihr Gewalt gegen Gewalt zu setzen. Der Aufruf stets bereit zu sein zu verzeihen, führt in eine Haltung, die wir Barmherzigkeit nennen, ein Wort, das aus der Mode gekommen ist.
Verzeihen genährt im Erkennen des eigenen Gebrochenseins
Barmherzigkeit, die Sprache des Herzens, sie will von da aus wirken im Mitgefühl zu sich selbst und den anderen, sie weiß um das Leid, würdigt es und hilft, es zu tragen. Vielleicht beginnen wir damit, dem eigenen Unvermögen zu verzeihen barmherzig zu begegnen. Und so behutsam, vielleicht ohne viel Worte, aber in spürbaren Taten, anderen zu begegnen in dem, was ich bei ihnen als unverzeihlich ansehe. Dann wird die Bereitschaft zu verzeihen genährt im Erkennen des eigenen Gebrochenseins. Dann beginnen wir die Gräben zwischen gut und böse in unseren Herzen zu überbrücken. Wir leben miteinander, ohne Verzeihen kann es ein echtes Wir nicht geben. Und, davon zeugt die Lebenshingabe Jesu, jede noch so kleine Bewegung in Barmherzigkeit öffnet für eine Wirklichkeit, die größer ist als alles, was wir selbst leisten könnten, die Wirklichkeit Gottes. In ihr können wir uns lassen – zutrauend, dass immer mehr ist, als wir gerade wahrnehmen können.
Christoph Kunz






