Lange betrachtet der Häftling das große Plakat an der Wand: wilde Linien, kreuz und quer über das Blatt gezogen, die Flächen dazwischen knallbunt ausgemalt. Das Bild entstand in einem Kunstprojekt in der Gießener Justizvollzugsanstalt (JVA). Unter der Anleitung von zwei Künstlern schufen acht Inhaftierte im Februar und im März Kunstwerke. Für die Arbeit am Plakat hätten sie laute Rockmusik angestellt, erzählt Wennemar Rustige: In jeder Hand einen Stift, „und dann drauflos gewirbelt, mit beiden Armen“.
Rustige ist pensionierter Lehrer einer Berufsschule, gemeinsam mit der freischaffenden Künstlerin Andrea Hupke de Palacio leitete er den Workshop. Anfangs sei ihnen „etwas mulmig“ zumute gewesen, erzählen die beiden, sie hätten sich gefragt: Was kommt da im Gefängnis auf uns zu? Doch dann wurden sie überrascht von der Höflichkeit und Aufgeschlossenheit der Inhaftierten. Am letzten Kurstag sagten die beiden Künstler zu den Teilnehmern: „Sie sind uns richtig ans Herz gewachsen“, und die antworteten: „Sie uns auch.“

Gesammelte Kunstwerke im Jugendvollzug der JVA Herford.
Mit Kunst groß geworden
In einem Gottesdienst an einem frühen Sonntagmorgen in der JVA stellt der evangelische Gefängnisseelsorger Johannes Blum-Seebach das Projekt den anderen Gefängnisinsassen vor. Hinter dem Workshop stehe der Gedanke: Die Häftlinge sollten die Gelegenheit bekommen, eine neue Seite an sich zu entdecken und „mal mit den Gedanken woanders zu sein als hier im Gefängnis“. „Ich habe die Zeit echt genossen“, sagt Mo (Namen aller Inhaftierten geändert). Er sei mit Kunst groß geworden, seine Eltern arbeiten als Künstler. Er selbst zeichne Animés, schreibe Gedichte und Musiktexte, aber im Knast gebe es kaum Möglichkeiten dazu. Hans, der älteste Teilnehmer des Projekts, erzählt, dass er ADHS habe und sich schlecht konzentrieren könne. „Aber beim Malen kann ich abschalten. Ich habe viel Erfahrung, auch mit Krippenbau oder Kränze binden, dabei komme ich zur Ruhe.“ Manu, der ebenfalls unter ADHS leidet, gibt zu: „Im Kurs habe ich oft was anderes gemacht als vorgegeben.“ So entstand statt eines Bildes ein gefaltetes Strandpanorama mit Seetieren.
Trauminsel malen
Einige Gefangene zögerten, bevor sie sich zur Teilnahme entschlossen. „Ich hatte mit Kunst noch nie was zu tun, aber ich sagte mir: Du lässt dich mal drauf ein“, schildert Alex. Er war neugierig, wie die anderen sich inspirieren ließen und „sich über Farben ausdrücken“. André ergänzt stolz: Seine Eltern hätten zurückgemeldet, wie überrascht sie waren, dass er so etwas kann. Wennemar Rustige und Andrea Hupke de Palacio kleben die Kunstwerke an die Wand, damit alle sie während des Gottesdienstes sehen können. Einige Bilder zeigen Hände in kräftigen Farben, Gesichter mit übergroßen Ohren und schiefen Mündern im Stil von Picasso. „Bei einer Fantasiereise, mit Musik im Hintergrund, fragten wir uns: Wie würde unsere Trauminsel aussehen?“, erzählt Pfarrer Blum-Seebach, der selbst am Workshop teilnahm. Heraus kamen Collagen aus Zeitungsschnipseln. Eine zeigt einen Löwen, eine Reiterin und eine Kuh vor einem Bergpanorama mit blauem See. „Bebauen und Bewahren“ nannte der Gefangene sein Werk.
Menschen befähigen
Hinter den Gefängnismauern verbirgt sich eine verschlossene Welt. Henrike Schmidt ist evangelische Gefängnisseelsorgerin in der JVA Rottenburg in Baden-Württemberg. Vor zwei Jahren erhielt sie für einen ihrer Gottesdienste hinter Gittern den Gottesdienst-Preis einer Kasseler Stiftung. Thema des Gottesdienstes: Schuld und Vergebung. Auch Schmidt macht den Gefangenen immer wieder Angebote, ein Gartenprojekt etwa oder aktuell einen Gitarren-Workshop. Es gehe dabei auch darum, den Leuten draußen zu zeigen, „dass hinter Gittern Menschen leben, die kreativ sind und Gottesdienste erleben“. Ziel sei es, „die Menschen zu befähigen, dass sie ihr Leben wieder in die Hand nehmen“. Kunst, Musik, Kultur, Bücher – all das vergrößere den Handlungsspielraum. Schmidt sagt: „Je mehr Möglichkeiten wir inhaftierten Menschen bieten, um lebensfähig zu werden, umso sicherer wird die Gesellschaft.“ Denn fast alle Gefangenen kommen eines Tages wieder in Freiheit. Am Ende des Gottesdienstes in der JVA Gießen drängelt der Bedienstete, der die ganze Zeit neben der Tür saß: „So, jetzt aber in die Zelle.“ Die Leute aus dem Kunstprojekt dürfen noch eine Zeit lang mit den Künstlern und Johannes Blum-Seebach bei Kaffee und Kuchen zusammensitzen. Anschließend bringt der Pfarrer sie zurück zu den Zellen. „Schönen Sonntag“, ruft Mo und verschwindet hinter der Tür.
Stefanie Walter | epd





