Im Gefängnis spielen die Türen eine wichtige Rolle. Nur die Schlüsselträger können die schweren Haftraum- und Durchgangstüren öffnen. Die Redewendung „mit der Tür ins Haus fallen“, trifft in einer JVA zu. Die Zelle ist Schlaf- und Wohnzimmer zugleich. Bedienstete machen sich durch lautes, mit dem Schlüssel an der Zellentür klopfend, bemerkbar und warten oft kaum ab, sie zu öffnen.
Die Gefängnisseelsorger klopfen von Hand an die Haftraumtür und warten einen Augenblick. Wer weiß, wie der Inhaftierte angetroffen wird. Es ist auch ein kurzer Moment des Innehaltens. Ich nutze ihn, um mir bewusst zu machen, dass ich jetzt einen Menschen besuche, dessen Intimsphäre gerade sehr eingeschränkt ist, was Ausgesetzt-sein und Verletzlichkeit bedeutet und meine behutsame Achtsamkeit braucht. Dieses bewusste Anhalten vor der Tür hilft mir, nicht von einem Gespräch zum nächsten zu laufen, ohne wirklich da zu sein. Der Haftraum ist ein sehr eingeschränkter, ein privater und sensibler Raum. Da ist ein Gefühl von Ehrfurcht in mir.
„Ich bin die Tür“
Im Johannesevangelium sagt Jesus von sich, er sei die Tür. Neben den anderen sogenannten Ich-bin-Worten Jesu wie „Ich bin das Brot des Lebens“, „Ich bin das Licht der Welt“ oder „Ich bin der gute Hirte“ ist dieses eher etwas sperrig und scheint so gar nicht in den Reigen der anderen Selbstbeschreibungen zu passen. Doch mit der bewussten Erfahrung des Durchgangs durch eine Haftraumtür gewinnt dieses biblische Bild für mich mehr Bedeutung. Denn immer, wenn ich durch eine Tür hindurch gehe, verlasse ich einen Raum, um einen neuen zu betreten. Stets lasse ich etwas zurück und gewinne Neues, oft kann dieses Neue auch überraschend anders sein als erwartet. Das Gehen durch eine Tür verwandelt mich – was bedeutet das dann, wenn Jesus die Tür ist? Im biblischen Sprachgebrauch tauchen eine Tür, eine Pforte oder ein Tor in besonderen Ereignissen auf, sie markieren den Übergang von einem menschlichen in einen göttlichen Bereich.
Biblische Tür- und Torbilder
So saß Abraham innen an der Öffnung des Zeltes, um gemeinsam mit Sarah die fremden Gäste zu erwarten. Nachdem sie diese vor dem Zelt bewirtet hatten, stellte sich heraus, dass in den Fremden Gott selbst zu ihnen gekommen war. Der Prophet Elija trat, als er Gott gewahr wurde, vor den Eingang der Höhle, in die er sich verkrochen hatte, und machte sich dann auf in das weite Land. Die Gegenwart Gottes war für das Volk Israel auch auf dem langen Weg durch die Wüste im Offenbarungszelt spürbar, durch die Öffnung dieses Zeltes durften allerdings nur auserwählte Personen gehen. Später war es das große Tor zum Tempel, das den pilgernden Menschen den Weg öffnete. Alle diese Tür- und Torbilder aus alten biblischen Geschichten, Erfahrungen des Göttlichen seit vielen Generationen, lässt das Johannesevangelium mit der Aussage Jesu „Ich bin die Tür“ anklingen. In der Begegnung mit Jesus geschieht ein Übergang in die geheimnisvolle Gegenwart Gottes. Diese Begegnung verwandelt, ist wie eine Neuschöpfung – und das, ohne dass dafür etwas geleistet werden muss. Die Gegenwart Gottes ist nicht käuflich, weder durch Macht, Geld noch durch Gebetsleistung, sie ist ein Geschenk oder sie ist nicht. Anders als beim Offenbarungszelt oder im Tempel steht die Tür, die Jesus ist, nicht nur Auserwählten, sondern jeder und jedem offen. Das ist spürbar geworden in so vielen Begegnungen auf seinem Weg im Aufrichten, Ermutigen und Heilen von Menschen.
Tür öffnen und sehen, was entgegenkommt
Manchmal lassen uns die vielfachen Besorgnisse unserer Zeit Türen eher schließen. Damit draußen bleibt, was uns so verunsichert und ängstigt. Doch um welchen Preis geschieht das? Wir erleben es in der Kirche, wenn durch Herrschaft mit Macht an Traditionen festgehalten und Gott nicht zugetraut wird, ganz neu und überraschend anders vorzukommen. Wir erleben es gesellschaftlich, wenn ein Volk im eigenen Saft sich abschottet und so auf der gemeinsamen Erde das eigene Überleben erschwert. Und nicht zuletzt können wir das Sitzenbleiben in uns selbst als etwas in Gewohnheiten und Denkmustern Festgewordenes erleben, das uns verbittert zurücklässt. Wir brauchen Türen, um uns immer wieder neu aufzumachen und das Leben zu leben, das Evangelium ermutigt uns dazu. Wie wäre es, öfter bewusst durch die Türen zu gehen, die wir im Alltag öffnen? Um immer mehr jene Ehrfurcht in uns erwachen zu lassen, die anzeigt: jetzt ist gerade ein Übergang, sei achtsam und las dich überraschen, wie Gott dir entgegenkommt.
Christoph Kunz, Michael King | Johannes 10, 1-10






