Die Tage der Justizvollzugsanstalt im nordrhein-westfälischen Iserlohner Ortsteil Drüpplingsen sind gezählt. Doch noch stehen alle Gebäudekomplexe in unmittelbarer Nähe zum Wohngebiet wie es immer war: die Mauer, die Schleuse, die Hafthäuser sowie die Werkhallen. Im Jahr 2024 wurden die letzten Inhaftierten in andere Justizvollzugsanstalten verlegt. Die Natur holt sich jetzt das Gelände immer mehr zurück.
Viele Geschichten zu erzählen
Die Zeit scheint stehen geblieben zu sein. Die Gefängnisgänge, Hallen und Hafträume sind mehr oder weniger leer. Die JVA Iserlohn wurde 1970 in Betrieb genommen. Der Bau ist marode, obwohl noch nicht so alt(e) wie andere Haftanstalten wie beispielsweise die JVA Herford, die seit 1882 in Betrieb ist. „Es gab schon immer Probleme mit dem Regenwasser, das ins Innere eindrang“, erzählt der Projektleiter und ehemalige Abteilungsleiter der JVA Iserlohn Roland Pastoor. So einfach kommt man allerdings nicht in das Gefängnis hinein. Die Türen und Tore sind weiter verschlossen. So mancher, der diesen Lost Place erkunden will, beginge Hausfriedensbruch und würde sich strafbar machen.
Pastoor weiß viele Geschichten zu den einzelnen Bereichen zu erzählen. Ebenso die Mauern und Räume, die Wand-Malkunstwerke und der Teddy, der noch im Dienstzimmer der Sporthalle hängt. „Die JVA Iserlohn kennt keine Zäune und keinen Nato-Draht auf der Mauer. Darauf wurde bewusst verzichtet“, weiß der Projektleiter und erfahrene Vollzugsbedienstete zu berichten. Viele Projekte und Resozialisierungsmaßnahmen sind hinter diesen Mauern durchgeführt worden. „Lichtblick“ heißt das ehemalige Café, an der die Bibliothek angegliedert war. Jetzt steht dort nur noch die Theke ohne Kaffeemaschine. Die Unterschrift von Peter Maffay ist auf einer Wand zu sehen. Bei einem Besuch im Jahr 2011 sprach er mit inhaftierten Jugendlichen. Bereits 1992 stattete Maffay der JVA Iserlohn einen Besuch ab. Ein stilles Denkmal, das es bald nicht mehr gibt.
Eindrücke im ehemaligen Jugendknast der JVA Iserlohn.
JVA für jugendliche und erwachsene Frauen
Die neue Haftanstalt soll an gleicher Stelle für insgesamt 320 Inhaftierte – junge und erwachsene Frauen – Platz bieten. Für weibliche Jugendstraf- und Untersuchungsgefangene wird Iserlohn landesweit die einzige Einrichtung sein. Fünfzehn Bedienstete, die entweder als Mitglieder des Neubauteams, der Verwaltung oder der Leitung des AVD benötigt werden, sind in einem Containersiedlung nebenan untergebracht. Ein kleiner Knast, der ebenso mit einem Zaun gesichert ist. „Bei der Neubauplanung wurde möglichst viel Rücksicht auf die Anliegen der zivilen Anwohner genommen. Uns geht es um ein gutes Verhältnis zum Dorf“, erzählt Pastoor und schließt die nächste Türe auf.
Einige Haftraumtüren sind verbogen und aufgebrochen. „Das ist das Werk diverser Polizei-Einsatzkommandos, die den Ernstfall im verlassenen Gefängnis geprobt haben“, erklärt er. Eine Gemeinschaftsdusche wurde vor kurzer Zeit für die Mädchen mit neuen Fliesen ausgebaut. Einige Gänge sehen farblich aus wie neu. Doch der Zahn der Zeit nagt am Gebäude. Wasser sammelt sich in den Gängen. „Wir müssen die Türen und Fenster geschlossen halten, sonst kommen Vögel und andere Tiere rein“, bemerkt Pastoor.
Buntglasfenster sollen genutzt werden
Die VollzugsbeamtInnen und Mitarbeiter der Fachdienste sind an andere Haftanstalten abgeordnet. „Die JVA-Iserlohn bleibt ihr Dienst-Standort. Nach Fertigstellung des Neubaus können sie wieder zurück“, so der nordrhein-westfälische Justizminister Dr. Benjamin Limbach (Grüne). Bis zur Eröffnung der neuen JVA wird allerdings noch viel Zeit vergehen. Bis dahin sind Bedienstete in Pension oder wollen vielleicht ihren Dienstort nicht mehr wechseln. „Deshalb starten wir jetzt schon eine Einstellungsoffensive für neue Bedienstete“, sagt Pastoor. Das ist eine der Aufgaben der verbliebenen MitarbeiterInnen. Sie bearbeiten zudem die nach wie vor täglich anfallenden Aufgaben der Verwaltung.
„Es ist schon ungewohnt auf solch einem Gelände und in den Gebäuden niemanden mehr anzutreffen“, meint der Gefängnisseelsorger Michael King. Die örtliche Feuerwehr hat hier geübt, genauso wie Rettungshundestaffeln, das THW oder die Kreispolizeibehörde des Märkischen Kreises. Das war es dann auch. Das Inventar ist in der Justizauktion versteigert worden oder ging an andere Anstalten. Die Tafel in der Schule bleibt und wird mit abgerissen. Immerhin sollen einige Buntglasfenster des alten Kirchenraumes in der neuen Kapelle integriert werden. Der Beichtstuhl im hinteren Bereich des Kirchenraumes wird sicherlich nicht verwirklicht. „Schon Jahre zuvor wurde dieser nur noch als Abstellschrank genutzt“, lacht der ehemalige Abteilungsleiter und schließt die Tür.
Michael King





