Vor dreieinhalb Jahren hatte der Fall für bundesweite Aufmerksamkeit gesorgt. Ein Gefängnisseelsorger war dabei erwischt worden, wie er mit Haschisch und kleinen Handys präparierte Döner in die JVA Heinsberg nehmen wollte. Der Gefängnisseelsorger kannte zwar die Vorschriften, wollte aber auch als Lebensmittelkurier das Vertrauen der jugendlichen Straftäter gewinnen, sagte er vor dem Amtsgericht in Geilenkirchen.
Die Sachen seien ihm vorher von Unbekannten auf einem Parkplatz übergeben worden. Er fühle sich ausgenutzt, sagt der 68-Jährige, den das Bistum Aachen ein paar Tage nach dem Fund gekündigt hatte. Normalerweise werden Mitarbeiter der Justizvollzugsanstalten bei Betreten der Anlage nicht kontrolliert. Bei Jens Mittenwald (Name geändert) machten die Beamten an diesem 19. Juli 2022 aus gutem Grund eine Ausnahme, obwohl der ein Mann der Kirche und mithin der zehn Gebote ist. Der katholische Seelsorger des Jugendgefängnisses in Heinsberg war zuvor schon aufgefallen, weil er zweimal unangekündigt Essen mit ins Jugendgefängnis gebracht hatte.
Unerlaubtes Handeltreiben von Betäubungsmitteln
Das alles war bekannt, als er an diesem Nachmittag gegen 16.20 Uhr seinen Arbeitsplatz mit 13 Dönern betreten wollte. Vorgesehen waren sie für eine Gruppenveranstaltung in dem Jugendgefängnis, in dem mehr als 400 junge Menschen untergebracht sind, so teilte es Mittenwald später mit. Die misstrauischen Eingangs-Pförtner schauten sich die Lieferung ein bisschen genauer an. Und schon das erste Kebab war „weder mit Fleisch noch Salat, sondern augenscheinlich mit Drogenpäckchen befüllt“. Die Beamten fanden in fünf der 13 Döner Drogen, kleine Knasthandys und Ladegeräte. Insgesamt wurden in den manipulierten Dönern rund 142 Gramm Haschisch gefunden, die in der JVA einen Gegenwert in etwa fünfstelliger Höhe gehabt hätten.
Es war der größte Drogenfund in der Geschichte des Gefängnisses. Der Seelsorger der JVA erhielt an diesem Tag Hausverbot auf Lebenszeit, und dreieinhalb Jahre später musste er sich nun vor dem Amtsgericht in Geilenkirchen wegen „unerlaubten Handeltreibens von Beträubungsmitteln in nicht geringer Menge“ verantworten. So sieht es jedenfalls Staatsanwalt Rainer Bodden. Aus dem Seelsorger wurde ein Angeklagter, der in dem Verdacht steht, ein Drogenkurier zu sein. Das klingt nach Filmstoff, auch der zuständigen Landesjustizvollzugsdirektion erinnert sich niemand an einen vergleichbaren Fall.
Übergabe: Parkplatz
Direkt nach seinem Döner-Transport waren seine Dienstzimmer und seine Wohnung in Mönchengladbach durchsucht worden. Die Ermittler gingen auch auf Motivsuche. Versuchte da jemand sein Gehalt mit illegalen Dienstleistungen aufzubessern? Wurde da jemand erpresst? Vor Gericht verneinte Mittenwald, er habe weder Geld für den Kurierdienst erhalten, noch sei er unter Druck gesetzt worden. Der hagere, graumelierte Mann berichtete, dass ein junger Gefangener sich die Dönerlieferung für die Gruppenstunde gewünscht habe. Für die Bestellung durfte der Häftling auch das Diensthandy des Seelsorgers nutzen.
Gegen 15.20 Uhr hätten ihm Männer auf einem Parkplatz einer amerikanischen Klopsbraterei Tüten mit Hygieneartikeln, Getränken und dann auch den Dönern übergeben, so wurde es auf Videobildern der Fastfood-Kette festgehalten. Die Tüten wurden aus dem Kofferraum eines Golfes mit Mönchengladbacher Kennzeichen geholt, den ganzen Ablauf der Übergabe stufte der Döner-Bote als „dubios“ ein. „Aber ich war an diesem heißen Tag neben der Spur.“ Er überprüfte die Lieferung nicht, später wurden noch Deos und Feuerzeuge sichergestellt.
Telefonisch bestellt
Schon in den Wochen zuvor war er aufgefallen, als er einige Eisbecher vor der Anstalt von einem Familienangehörigen übergeben bekam. Daraufhin hatte ihn der Anstaltsleiter Jochen Käbisch noch mal eindringlich auf die Vorschriften hingewiesen, die solche Dienstleistungen nicht vorsehen. Drogen im Knast lösen nicht selten auch Psychosen unter den 14 bis 24-Jährigen aus, sagt Käbisch, der als Zeuge vor Gericht geladen war. Auch in der Gruppe, für die die Lieferung bestimmt war, befanden sich Häftlinge mit Drogenkarriere. Käbisch machte immer wieder „kleine Auffälligkeiten“ bei seinem ehemaligen Mitarbeiter aus, er beschrieb ihn als „schwierigen und wenig einsichtigen Charakter. Der wollte sein Ding machen.“ Ein paar Wochen nach der erneuten Belehrung brachte Mittenwald eine Ladung Döner mit, die er angeblich selbst organisiert hatte. Erst später stellte sich heraus, dass auch die Ware telefonisch bestellt war. Und auch damals schon gelangten etwa 25 Gramm Haschisch und ein Handy in den Knast, so berichteten es Gefangene später. Der Drogenkonsum ließ sich anhand von Urinproben belegen. „Dass meine berufliche Zeit als engagierter Seelsorger nach 40 Jahren so endet, stimmt mich traurig“, sagt er.
40 Jahre Dienst
Mittenwald selbst war vor Gericht zunächst nicht sonderlich redselig, bis ihm der Staatsanwalt noch einmal die strafmildernden Vorzüge eines Geständnisses näherbrachte. Tatsächlich räumte er nun ein, dass er bewusst die Anstaltsregeln gebrochen habe, ihm sei die Solidarität der jungen Gefangenen wichtiger gewesen. „Vertrauen war in all den Jahrzehnten immer die Basis meiner Arbeit.“ Dass er als Kurier missbraucht wurde, sei ihm erst bei der Inspektion der Ware deutlich geworden. „Ich fühle mich hereingelegt“, sagt er. Niemals habe er Drogen einschmuggeln wollen. „Dass meine berufliche Zeit als engagierter Seelsorger nach 40 Jahren so endet, stimmt mich traurig.“
Das Bistum Aachen hat den heute 68-Jährigen, der ein paar Monate nach dem Zwischenfall regulär in den Ruhestand getreten wäre, kurz nach der Tat „unwiderruflich freigestellt“. Der Seelsorger war seit vielen Jahren für das Bistum Aachen in verschiedenen Bereichen tätig: als Betriebs-, Internet-, Gefängnis- und Notfallseelsorger. Als Gefängnisseelsorger kümmerte er sich in den Jahren zuvor in Aachen und Wuppertal primär um Erwachsene. Er habe aber schon immer gerne mit jungen Menschen gearbeitet, sagte er bei seiner Einführung in Heinsberg. In dem Jugendgefängnis arbeitete er an zwei Tagen in der Woche, in der übrigen Zeit wirkte er als Betriebs- und Internetseelsorger. Das angestrengte Kündigungsschutzverfahren wurde mit einem Vergleich der Parteien beendet. Dieser 19. Juli 2022 wurde abrupt sein letzter Arbeitstag nach 40 Dienstjahren.
Hohe Geldstrafe
Das Strafverfahren gegen ihn endete schneller als geplant, ursprünglich waren drei Verhandlungstage vorgesehen. Staatsanwalt Bodden attestiert dem nicht vorbestraften Angeklagten, dass er mit seinem Geständnis „noch die Kurve bekommen“ habe. „Er wusste ganz genau, dass er die Waren nicht hätte annehmen dürfen, er hat sich über das Verbot hinweg gesetzt.“ Mittenwald habe billigend in Kauf genommen, dass mit dem Rauschgift Handel im Knast betrieben werde. Gleichwohl sah er keinen Beleg mehr für den angeklagten BTM-Handel in nicht geringer Menge, vielmehr ging Bodden nur noch von einer Beihilfe und dem unerlaubten Cannabis-Besitz aus. Der Staatsanwalt forderte ein Urteil auch mit Signalwirkung für andere Bedienstete und hielt eine Geldstrafe von 150 Tagessätzen a 60 Euro für angemessen. Mittenwalds Anwalt Rainer Pohlen (Mönchengladbach) beantragte eine „moderate Geldstrafe“ mit maximal 90 Tagessätzen, um eine Eintragung ins Führungszeugnis zu vermeiden. Der Jurist verwies auf die unverhältnismäßig lange Verfahrensdauer und die damit verbundene psychische Belastung seines Mandanten. Pohlen sah zudem nur Hinweise für den unerlaubten Marihuana-Besitz. Das Schöffengericht unter der Leitung von Richter Torben Kempas folgte im Urteil dem Antrag der Staatsanwaltschaft. Mittenwald muss 9000 Euro Geldstrafe begleichen. Auch die Kammer ging von einem bedingten Vorsatz des Angeklagten aus, der die Folgen seiner Lieferungen billigend in Kauf genommen hätte. „Uns fehlt es ein bisschen an Unrechtbewusstsein, was die Drogen bei so jungen Menschen auslösen können.“
Christoph Pauli | Mit freundlicher Genehmigung: Aachener Zeitung






