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Coronakrise? Von den Inhaftierten lernen

Anonymer Brief an einen Gefängnisseelsorger
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Seit 22 Jahren bin ich Seelsorger in der niedersächsischen Jugendanstalt Hameln. Das ist das Jugendgefängnis mit den meisten Haftplätzen für männliche jugendliche Straftäter in Deutschland. Seit diesen Berufsjahren erlebe ich zum ersten Mal, was die Feier von Gottesdiensten angeht, eine Ausnahmesituation. Neben den üblichen Sonntagsgottesdiensten fielen die Feiertags-Gottesdienste aus. Ich folgte dabei, wie viele andere, den Anordnungen der Behörden. Diese Anordnung fand und finde ich sinnvoll. Denn es ging um den Schutz der Gesundheit der jungen Männer, die an den Gottesdiensten teilnehmen.

Gott sei Dank, haben wir bis jetzt keinen Coronafall in der Jugendanstalt Hameln. Neben dem Dank an Gott habe ich Dank für die Ruhe und Disziplin der Vollzugsbediensteten. Für die Inhaftierten gibt es zur Zeit wegen des allbekannten Virus keinen Besuch von Angehörigen und Freunden und keine Besuche von RechtsanwältInnen. Diese Situation fangen die im Strafvollzug Mitarbeitenden auf und die meisten Inhaftierten haben Verständnis. Wenn ich außerhalb des Gefängnisses von dieser Lage erzähle, gibt es z.B. folgende Äußerung: „Du musst dich gerade als Seelsorger im Gefängnis für das Grundrecht auf Religionsausübung und damit für Gottesdienste im Knast einsetzen. Es ist auch im Gefängnis ein Grundrecht.“ Diese Grundrechtsauffassung teile ich. Es kann aber meines Erachtens nicht darum gehen, die Fahne des Rechts auf Selbstbehauptung zu hissen.

Eigenes Hemd bzw. Trikot sichern

Dies geschieht in der Deutschen Bundesliga beim Fußball. Allen Ernstes verlangen die Fußballvereine, wieder zu spielen, damit die Kasse wieder stimmt. Selbst als Fußballinteressierter leuchtet mir das in dieser Coronalage nicht ein.

Wenn die gut betuchten Vereine wenigstens bei Wiederaufnahme des Spielbetriebs den ärmeren Vereinen finanziell helfen würden, dann würde daraus etwas Gutes erwachsen. Nein, den Vereinen geht es um das je eigene Hemd bzw. Trikot. Bei den meisten Spielern scheint es ebenso zu sein.

Maßlose Wirtschaftszweige

Ähnlich sieht es in der Autoindustrie aus. Allen Ernstes ist eine Kaufprämie zu Gunsten der Autokäuferinnen für Benziner und Diesel in der Diskussion, um die Wirtschaft wieder anzukurbeln. Zwar geschieht das ökologisch im Rückwärtsgang, aber die Kasse stimmt wenigstens. Zuwendungen vom Staat soll es auch geben.

Sinnvoll wäre doch eine Förderung durch die Autokonzerne für viele Vertragswerkstätten, denen die Coronakrise an die Existenz geht. Ein Industriezweig, der nun wirklich nicht von der Knappheit finanzieller Mittel bedroht scheint, bekommt den Hals nicht voll.

Von Inhaftierten lernen

Es scheint so, dass sich Selbstbehauptung statt Einsatz füreinander durchsetzt. Ich freue mich über unsere Kirchen, denen es weniger um Selbstbehauptung geht. Ich freue mich über die Menschen, die aus der Krise etwas Neues versuchen. Ich hoffe, dass unsere Kirchen bescheiden bleiben, auch wenn es wieder „normale“ Zeiten geben sollte. Vielleicht können wir von einigen unserer Inhaftierten im Jugendgefängnis lernen, die den momentanen Verlust ihrer Besuche und Kontakte nach draußen mit Verständnis aushalten. Glauben Sie mir: Unter ihnen gibt es Meister der Selbstbehauptung, die nun zu einem Teil ein anderes für die Lage verständnisvolles Verhalten an den Tag bringen. Sie akzeptieren den Verlust auf ihr Recht auf Besuch.

Lothar Schäfer | Jugendanstalt Hameln
feinschwarz

 

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