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Inhaftierte der JVA Würzburg können online studieren

20. Juli 2022

Bayernweit ist die Justizvollzugsanstalt in Würzburg die einzige Justizvollzugsanstalt mit „Hörsaal“. Derzeit lernen und arbeiten dort fünf Studenten für ihren Studienabschluss an der Fernuniversität. Timo ist einer von ihnen. Es geht in seiner Bachelorarbeit um die politische Dimension des Verzeihens. Seine Schlussfolgerungen sind sehr kritisch in Bezug auf politische Entwicklungen in Deutschland…

Ein schmales Bett. Darüber an der Wand ein Regal mit Skripten. Am Bettende eine Gitarre. Schräg gegenüber der Schreibtisch. Hier lebt Timo seit zwei Jahren. Und hier, in einer Einzelzelle im Studentengang der Würzburger Justizvollzugsanstalt, studiert er. „Ich würde mich später gerne selbstständig machen“, verrät der 27-Jährige. Dazu wird er das, was er gerade online lernt, gut brauchen können: Timo studiert über die Fernuniversität in Hagen im vierten Bachelorsemester Wirtschaftswissenschaften.

Inhaftierter schreibt Bachelorarbeit

In den letzten Monaten tüftelte Timo an seiner Bachelorarbeit. Ein spannendes Thema hat er sich ausgesucht. Es geht um die Stigmatisierung von Strafentlassenen auf dem Arbeitsmarkt. Timo befragte viele Mitgefangene nach ihren Erfahrungen auf dem Arbeitsmarkt. Etliche waren ja schon mal inhaftiert. Hatten sie sich, als sie zwischendurch in Freiheit waren, bei der Jobsuche stigmatisiert gefühlt? Auf welche Hürden stießen sie? Woher rührten die Hürden? Zu fünft sind sie gerade im Studententrakt. Es gibt einen Raum mit Rechnern, der von allen „Hörsaal“ genannt wird. Jeder hat hier seinen festen Arbeitsplatz. Timo sitzt am Fenster. Der Gefangene neben ihm schrieb in den letzten Monaten ebenfalls an seiner Bachelorarbeit. „Ich habe über Hannah Arendt gearbeitet“, erzählt er und zieht sein Manuskript hervor. Es geht um die politische Dimension des Verzeihens. Der Inhaftierte reicht die Seite mit seiner Schlussfolgerung herüber. Die ist sehr klug. Und sehr kritisch in Bezug auf politische Entwicklungen in Deutschland.

Seit 2011 kann studiert werden

Gegenüber vom Hörsaal befindet sich der Dienstraum von Reinhard Sachse. „Ich bin hier der Schulbeamte“, stellt er sich vor. Laut Sachse ist es in der Würzburger JVA seit 2011 möglich, online zu studieren. Würzburg ist das bayernweit einzige Gefängnis, in dem dies geht. Bundesweit gibt es nach Sachses Schätzung nicht einmal ein Dutzend Knäste, die ein Studium anbieten. Wie viele Menschen hierzulande hinter Gittern studieren, kann Stephan Düppe von der Fernuniversität in Hagen nicht sagen. „Es ist ja niemand verpflichtet, bei der Einschreibung anzugeben, ob sie oder er inhaftiert ist“, erklärt der Pressesprecher. Aber natürlich weiß das Team der Hochschule im Einzelfall über eine Inhaftierung Bescheid. Etwa durch eine Beratung. Oder auch durch direkte Kontakte. Düppe geht davon aus, dass unter den rund 77.000 Studierenden der Hochschule um die 100 Strafgefangene sind. Angaben zu Alter, Geschlecht, Bundesland und Studienfächern lägen nicht vor.

Qualifikation ist entscheidend

Auch zu den Studienleistungen inhaftierter Studentinnen und Studenten gibt es keine Erkenntnisse. Der Lebensumstand „Haft“ scheint die Leistungen auf jeden Fall kaum oder gar nicht zu beeinflussen. Entscheidend sei die Qualifikation, die jemand mitbringt, betont Düppe. Und hier fiel dem Team der Fernuniversität in letzter Zeit etwas auf: „Wir bemerken, dass die Anzahl derjenigen Strafgefangenen, die die Zulassungsvoraussetzungen für ein Studium erfüllen, in den vergangenen Jahren sank.“ Wünschenswert wäre aus Sicht der Hagener Hochschule, dass die Justizbehörden die Rahmenbedingungen für ein Studium in Haft verbessern würden.

Man forciere zwar die Aus- und Schulbildung, um die Resozialisierungschancen zu steigern: „Das Studium wird allerdings eher als Sonderfall gesehen.“ Darum gebe es nur so wenige Anstalten, in denen Häftlinge studieren könnten: „Auch sind die Kapazitäten des Personals, das für die Beaufsichtigung der studierenden Inhaftierten benötigt wird, begrenzt.“ Anderes geht auch nicht, erzählt Timo: „Wir können zum Beispiel nicht an einer WhatsApp-Gruppe unserer Kommilitonen von draußen teilnehmen.“ Dass Inhaftierte digitale Medien nur eingeschränkt nutzen können, wird in Hagen als problematisch angesehen. Der Zugriff auf freigegebene Inhalte aus dem Internet sei zum Beispiel nur in einem begrenzten Zeitraum möglich.

Freie Kommunikation nicht erlaubt

Timo kann sich keinen digitalen Lerngruppen anschließen und muss daher seine Dozenten per Mail um Rat fragen. Die Mail geht allerdings zunächst zu Reinhard Sachse und seinem Kollegen Arnd Bartel vom pädagogischen Dienst. Die geben die Mail frei und schicken sie an den jeweiligen Dozenten. Dessen Antwort landet zunächst wieder bei den Beamten. Eine freie Kommunikation mit Externen ist Gefangenen prinzipiell nicht erlaubt. Timo imponiert nicht nur durch seine hohe Lernbereitschaft und sein inzwischen tiefes Wissen. Der junge Mann, der sein Abi mit 1,8 bestand und aktuell in seinem Bachelor-Studiengang auf der Note 1,3 steht, ist auch musisch begabt. Nicht umsonst steht eine Gitarre in seiner Haftzelle. Früher hat Timo bei Musicals mitgewirkt. Heute gestaltet er als Gitarrist die Anstaltsgottesdienste mit. Wie kommt es, dass so jemand im Gefängnis sitzt?

Angst vor Stigmatisierung

Es war keine Marginalie, deutet Timo an. Der junge Mann mit den langen Haaren, der so sanft ausschaut, so umgänglich und so klug ist, hat ein Gewaltverbrechen begangen. Näher darauf eingehen will er nicht. Nur so viel sagt er, dass eine Verkettung unglücklicher Umstände schuld daran war, dass er im Gefängnis landete. Wo er noch bis Ende des Jahres einsitzen muss. Hoffnung macht ihm, dass er sehr gute Aussichten auf einen Job nach der Entlassung hat. So schlecht, hat er in seiner Bachelorarbeit herausgefunden, sind die Jobchancen für Haftentlassene nicht. Zumindest ist die Stigmatisierung geringer, als angenommen wird. Das größte Problem, sagt Timo, sei die große Angst Strafentlassener vor einer Stigmatisierung. Die könne als sich selbsterfüllende Prophezeiung wirken. Die dann oft zum realen Erleben von Ausgrenzung führt.

Pat Christ | Sonntagsblatt.de

 

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