Seit er im Gefängnis arbeite, höre er das Wort „Freiheit“ anders, sagt Thomas Fohrmann, neuer Gefängnisseelsorger in der niedersächsischen Justizvollzugsanstalt Oldenburg. In der Reihe „Zwischentöne“ der Kirche im NDR spricht er über Schuld, innere Mauern und Menschen, die Wege mitgehen. Dazu kommen ihm Lieder in den Sinn, die ihn hinter den Mauern neu erinnern und nachdenklich machen.

Freiheit
Durch wie viele Türen sind Sie heute Morgen schon gegangen? Haustür, Autotür, Bürotür, vielleicht Bäckerei oder Supermarkt. Ich habe nicht mitgezählt. Aber schon bis jetzt waren es ziemlich viele. Ich arbeite als Gefängnisseelsorger in der JVA Oldenburg. Türen bestimmen dort meinen Arbeitstag. Heute lagen schon mehrere verschlossene Türen vor mir. Warten. Ein Summen. Die Tür öffnet sich. Weiter. Wieder warten. Drinnen kommen Türen, die ich selbst auf- und zuschließen kann. Für die Männer, die hier inhaftiert sind, gehören diese Türen ebenfalls zum Alltag. Mit einem entscheidenden Unterschied: Ich werde später am Tag wieder hinausgehen, wegfahren, einkaufen oder tanken. Kleinigkeiten, bis man sie nicht mehr tun kann.
Marius Müller-Westernhagen singt von Freiheit in einem Lied meiner Jugend. Seit ich im Gefängnis arbeite, höre ich dieses Wort anders. Denn nicht jede Gefängnismauer ist aus Beton. Menschen können auch gefangen sein in Sucht, Angst, Schulden oder ihrer Vergangenheit. Und manchmal beginnt ausgerechnet hinter Gittern ein Stück Freiheit: wenn einer aufhört, sich selbst etwas vorzumachen. Wenn er Verantwortung übernimmt und sagt: Ich habe Mist gebaut. Die Vergangenheit kann niemand ändern. Aber der heutige Tag liegt noch vor uns. Und damit auch der nächste Schritt.
Sieben Brücken
„Noch 286 Tage!” Der Mann mir gegenüber weiß es ganz genau. 286 Tage bis zu seiner Entlassung. Im Gefängnis bekommt Zeit eine andere Bedeutung. Draußen wundern wir uns manchmal, wie schnell eine Woche vergeht. Drinnen kann schon ein Vormittag ziemlich lang sein. Da wird gewartet. Auf einen Brief. Einen Besuch. Eine Entscheidung des Gerichts. Und natürlich besonders auf den Tag der Entlassung. Peter Maffay singt: Über sieben Brücken musst du gehn. Ich mag dieses Bild. Brücken verbinden zwei Seiten. Aber hinübergehen muss man selbst. Ich kann einem Gefangenen seine Strafe nicht abnehmen. Ich kann nicht rückgängig machen, was geschehen ist.
Eine zerbrochene Beziehung kann ich nicht mit ein paar klugen Sätzen reparieren. Und auf manches habe ich schlicht keine Antwort. Dann sitzen wir zusammen. Reden. Trinken einen Kaffee. Manchmal schweigen wir. Erstaunlich oft reicht das. Denn wer einen schwierigen Weg vor sich hat, braucht nicht immer jemanden, der erklärt, wo es langgeht. Manchmal braucht er einfach jemanden neben sich. Vielleicht begegnet Ihnen heute ein Mensch, der gerade vor seiner ganz eigenen Brücke steht. Dann müssen Sie weder die Lösung kennen noch große Worte finden. Ein einfaches “Komm, ich gehe ein Stück mit” kann für diesen Tag schon ziemlich viel sein.


Mensch
„Und was haben die Männer so gemacht?” Fragen mich Leute, wenn ich erzähle, dass ich als Seelsorger in der JVA Oldenburg arbeite. Eine verständliche Frage. Aber manchmal weiß ich es gar nicht. Das hat einen Vorteil. Denn dann sitzt mir zunächst kein Betrüger gegenüber. Kein Gewalttäter. Kein Drogendealer. Sondern ein Mensch. Einer, der seine Kinder vermisst. Der Angst hat, wie es weitergeht. Der hofft, dass seine Partnerin noch zu ihm hält. Und ja: Manchmal auch einer, der einem anderen Menschen Schreckliches angetan hat. Das darf man nicht kleinreden. Schuld bleibt Schuld. Und zu vielen Taten gehören Menschen, die bis heute unter den Folgen leiden.
Herbert Grönemeyers Lied Mensch bringt mich deshalb auf eine Frage: Ist ein Mensch nur das Schlimmste, was er jemals getan hat? Mein christlicher Glaube sagt: nein. Gott nimmt Schuld ernst. Aber er schreibt einen Menschen deshalb nicht ab. Das versuche ich auch, nichts schönzureden und trotzdem hinter der Tat den Menschen zu sehen. Vielleicht begegnen Ihnen heute noch einige Menschen: beim Bäcker, am Arbeitsplatz, auf der Straße. Von keinem kennen Sie die ganze Geschichte. Ein guter Grund, mit schnellen Urteilen ein bisschen vorsichtiger zu sein. Menschen passen eben schlecht in Schubladen. Zum Glück.
Hinterm Horizont
Manchmal ist es nur ein kleines Stück Himmel. Ein Fenster. Gitter. Eine Mauer. Und darüber: Blau. Wenn ich in meinem Büro oder in der Kapelle der JVA Oldenburg aus dem Fenster schaue, frage ich mich: Was macht das mit einem Menschen, wenn sein Blick Tag für Tag an einer Mauer endet? Udo Lindenberg singt in Hinterm Horizont, dass es weitergeht. Ein schöner Gedanke. Nur sieht man dieses “Weiter” manchmal überhaupt nicht. Das kennen auch Menschen außerhalb eines Gefängnisses. Eine Krankheit. Eine Trennung. Der Tod eines Menschen. Oder ein Fehler, bei dem ich nicht weiß, wie ich ihn jemals wieder in Ordnung bringen soll.
Plötzlich steht da eine Mauer. Dann hilft kein schnelles „Wird schon wieder”. Hoffnung bedeutet für mich etwas Anderes. Sie redet die Mauer nicht klein. Sie behauptet auch nicht, dass alles gut ausgehen muss. Sie sagt: Was du gerade sehen kannst, ist noch nicht alles. Darin steckt für mich viel von meinem Glauben. Mein Blick ist begrenzt. Gottes Blick nicht. Der größte Teil dieses Tages liegt noch vor Ihnen. Vielleicht gibt es heute einen Moment, in dem Ihr Blick weiterreicht als gerade eben. Denn der Horizont ist nicht das Ende der Welt. Er zeigt lediglich, wie weit wir im Augenblick sehen können.

..Wenn die Tür aufgeht
„Was machen Sie als Erstes, wenn Sie wieder aus dem Knast draußen sind?” Die Antworten sind oft erstaunlich einfach: einen Döner essen. Die Familie sehen. Durch die Stadt gehen. Oder irgendwo sitzen, ohne dass jemand bestimmt, wann man wieder aufstehen muss. Die Entlassung ist für viele Männer in der JVA der Tag, auf den sie lange warten. Endlich raus. Doch je näher dieser Tag kommt, desto häufiger höre ich auch von Angst. Denn plötzlich muss ich wieder selbst entscheiden. Wo werde ich wohnen? Finde ich Arbeit? Wer wartet auf mich? Und was passiert, wenn die alten Leute, Probleme und Versuchungen erneut auftauchen?
In seinem Lied Ich war noch niemals in New York singt Udo Jürgens von dieser großen Sehnsucht: einfach raus. Alles hinter sich lassen. Neu anfangen. Aber für einen Neuanfang braucht man kein New York. Manchmal beginnt er ziemlich unspektakulär. Mit einem Anruf. Einer Entschuldigung. Einer Bewerbung. Oder dem ehrlichen Satz: Diesmal versuche ich es anders. Eine offene Tür allein macht noch kein neues Leben. Man muss hindurchgehen. Und dafür muss auch nicht erst Montag sein. Oder Silvester. Oder irgendein besonderer Tag. Es ist Freitagvormittag, kurz vor zehn. Eigentlich keine schlechte Zeit, um mit etwas anzufangen.
Thomas Fohrmann | Fotos: King
Redaktion Ruth Beerbom, Katholisches Rundfunkreferat





