Der Mann aus Nazareth ändert den Blickwinkel. Weg von der Frage der Gerechtigkeit hin auf eine grenzenlose Güte. Aus den Regeln von Besitz und Macht teilt sich der Anspruch der Gerechtigkeit, des Rechts, das sich verteidigen und organisieren und in Paragraphen fassen lassen will. „Wir nennen Jesus den Messias, den Heiland, aber wissen Sie, wie seine Zeitgenossen ihn nannten? Den Brotfresser und Weinsäufer und den Freund der Huren und Zöllner“, so schreibt es der Paderborner Theologe Eugen Drewermann¹.
In der biblischen Erzählung vom Gutsbesitzer und den Tagelöhnern im Weinberg (Matthäus 20, 1-16) wanken die grundlegenden Zuordnungen, die als das Wesentliche für ein gerechtes System angesehen werden. Da werden über den ganzen Tag Menschen zur Arbeit im Weinberg angeheuert mit dem Versprechen einer gerechte Entlohnung. Am Abend aber bekommen alle genau einen Denar, ganz gleich, ob sie früh morgens mit der Arbeit begonnen haben oder erst am späten Abend. Das war der den ersten Arbeitern versprochene Lohn, ein zur Zeit Jesu üblicher Tageslohn.
Gegenseitiges „Gut-sein-lassen“
Im Evangelium werden solche alltäglichen Lebenserfahrungen zur Parabel für die Wirklichkeit Gottes, in der menschliches Gerechtigkeitsempfinden in entgegenkommender Güte durchkreuzt wird. Ob jemand früh da ist oder spät, viel tut oder wenig, alle bekommen die gleiche Zuwendung. Das Evangelium stellt klar: kein Mensch hat aufgrund des eigenen Bemühens Gott gegenüber einen Anspruch auf mehr oder weniger Belohnung. Mit Gott ist nicht zu rechnen. Dies ist eine Demütigung für alle, die sich in irgendeiner Weise über andere erheben und sich erlauben, über sie zu richten.
Das betrifft in der Religion die, die ihre vornehme Aufgabe darin sehen, andere in rein und unrein aufzuteilen, um letzteren mit dem Strafgericht Gottes zu drohen. Es betrifft PolitikerInnen, die über populistisches Verächtlich-machen und Ausgrenzen bestimmter Menschengruppen ihre Ideologie voranbringen wollen. Und nicht zuletzt gilt diese Demütigung jedem einzelnen in der Versuchung, sich über andere zu erheben. In einem Kommentar heißt es: „Wenn Menschen, denen es schlecht geht, Gutes erwiesen wird, haben diejenigen, denen es gut geht, keinen Anlass, so zu tun, als geschähe ihnen dadurch ein Unrecht.“ Vor Gott gilt kein Abrechnen, sagt Jesus, alles ist in Gottes freies Erbarmen gestellt. So ist die Aussage des Gleichnisses auch eine aus Neid und Missgunst befreiende hin zu einem gegenseitigen gut sein lassen in Respekt und Vielfalt.
Entgegen den Moralaposteln
Und da ist noch eine weitere Sichtweise, auf die der Theologe und Mystiker Karl Rahner hinwies: in der Wirklichkeit Gottes, schrieb er, „ist all das, was wir als unseren Lohn verdienen können und verdienen müssen, umfasst von der freien Verfügung Gottes, die uns gibt, wie sie will, die unseren Anfang und unser Ende gestaltet nach ihrem Wohlgefallen“. Jede und jeder von uns ist ohne gefragt worden sein an irgendeiner Stelle auf die Welt gekommen und wird sie irgendwann und irgendwo wieder verlassen. Wir können dies als ein Geschenk oder eine Last betrachten; das Evangelium sagt, wir seien uns selbst von Gott geschenkt. Der eine Denar im Gleichnis, so Rahner, sind wir selbst. Mich selbst, mit meinen Grenzen, in meinem Scheitern, mit meinen halbfertigen Bemühungen, in meinem Murren und Klagen, mit meiner unstillbaren Sehnsucht, in meiner Trauer, mich selbst, wie ich ungefragt in diese Welt gekommen bin und irgendwann aus ihr gehen muss, annehmen als ein Geschenk Gottes – wie verändert das mein Unterwegssein? Dann bin ich mehr, als zu ahnen ist, auch, als ich selbst zu ahnen wage. Gott selbst hat sich in mich hinein verschenkt. Oder, biblisch gesprochen: Gott hat sich in mich verliebt – allen Moralaposteln (auch den eigenen inneren), die mir anderes weismachen wollen, zum Trotz. So gesehen könnte das Evangelium eine sehr heilsame Provokation sein, es braucht nur den Mut, es auch so zu leben.
Christoph Kunz
¹ Eugen Drewermann, Wenn der Himmel die Erde berührt. Predigten über die Gleichnisse Jesu. Herausgegeben von Bernd Marz, München: Piper Verlag, 2. Auflage 1999, Seite 52-53.





