„Dein Bruder, deine Schwester, jemand aus deiner eigenen Familie, eine dir nahe Person sündigt gegen dich.“ Da ist ein Bruch, eine Verletzung einer eigentlich einander tragenden Verbindung geschehen. Mit dieser Einleitung verweist das Evangelium auf eine Wirklichkeit, von der kein Mensch ausgeschlossen ist: sich gegeneinander zu versündigen.
Es geschieht in Unaufmerksamkeit und Unachtsamkeit manchmal fast wie automatisch aus der eigenen Gewöhnung und Konditionierung heraus. Oder es geschieht mutwillig in der Gier der Macht den eigenen Willen durchsetzend. Aber auch Angst kann ein Anlass sein, Gewalt gegen andere einzusetzen. Das miteinander unterwegs sein ist wie eine Gradwanderung, leicht können wir abkommen vom Weg der Achtsamkeit und des Mitgefühls und abrutschen in missachtende Gleichgültigkeit oder aggressiven Kampf.
Absondern und getrennt
Das Wort „Sünde“ meint ein „absondern“, da wird getrennt, was zusammengehört. Es ist wie ein Rückzug in eine vermeintlich ausweglose Nische. Wer sich eine solche Erfahrung spüren lässt, weiß um die Verwundung darin und den Schmerz der Isolation. Das Evangelium Jesu sagt, ein Mensch in Sünde gehört nicht abgesondert, er muss angenommen sein in der Gewissheit, dass gerade etwas Leidvolles geschieht, das immer wieder im Leben vorkommt und jetzt besondere Aufmerksamkeit benötigt.
Mit dieser Einleitung scheint das Evangelium an dem Tag der Landtagswahl am 6. September 2026 in Sachsen-Anhalt, einen Spiegel vorzuhalten. Schaut auf die leidvolle Spaltung in eurem Land! Seht sie an und seht darin auch euch selbst. Seht, wieviel Spaltung und Absondern im eigenen Herzen ist. Seht, wieviel Leid damit verbunden ist. Würdigt dies in euch selbst und bei denen, die ihr der anderen Seite zuordnet. Um aus der Isolation von Absonderung herauskommen, braucht es zuerst eine Würdigung, die nicht ein Verurteilen ist, sondern ein Annehmen. Nicht das Bekämpfen, sondern die Mühe des Gespräches ist gefordert um der Verbundenheit willen. Im Evangelium wird dafür ein Weg gewiesen vom persönlichen Vier-Augen-Gespräch bis hin zur Versammlung der Gemeinde für die Erhaltung der gemeinsamen Werte. Tatsächlich kann es schwer sein, aus einer womöglich lang eingerichteten Isolierung vorzukommen. Es braucht viel gegenseitige Aufmerksamkeit, Wohlwollen, Geduld und nicht zuletzt Demut angesichts der je eigenen Brüche im Leben.
Scheitern ist nicht das Ende
Wir erleben in Sachsen-Anhalt und bundesweit, wie tief die Gräben sind und wie sehr Vertrauen verloren gegangen ist – manchmal scheint sogar ein Gespräch nicht mehr möglich. Auch diese Situation sieht das Evangelium nüchtern an: ja, es kann passieren, dass Menschen die Trennung nicht überwinden. Und auch dies gehört gewürdigt. Doch was in unserem eigenen Bemühen begrenzt bleibt, was letztlich scheitert, wo Versöhnung (noch) nicht gelingt, ist nicht das Ende, es liegt vielmehr in Gottes Hand. Dass mehr werden kann als ich selbst im Moment sehe, ist die tiefe Überzeugung gläubigen Vertrauens. Ein Vertrauen, das nicht in passive Gleichgültigkeit führt, sondern lebt aus dem Bewusstsein der Verbundenheit aller miteinander auf dieser Erde, die wir, solange wir unterwegs sind, göttlichen Atem in uns tragen.
Nicht passiv und gleichgültig sein
Wie auch immer die Wahl bei in Sachsen-Anhalt ausgeht, es bleibt im Sinne des Evangeliums Jesu Christi der Aufruf, sich immer neu füreinander aufzumachen. Vor wenigen Tagen sagte Papst Leo in einer Generalaudienz auf dem Petersplatz: “Es ist eine Teilhabe, die uns dazu aufruft, angesichts der Ereignisse, die sich vor unseren Augen abspielen, der Geschichte und des Lebens der Menschen, nicht passiv und gleichgültig zu sein… Vielmehr gilt es, mit dem Herzen zuzuhören, sich herausfordern zu lassen und sich einzubringen. Mit Christus, und gestützt von der Kraft seines Geistes, sind die Gläubigen gerufen, die Nöte ihrer Brüder und Schwestern mitzutragen, besonders die Not derer, die unter Ungerechtigkeit, Diskriminierung und Gewalt leiden.“ Eine solche Teilhabe aus hörendem Herzen hat, da bin ich sicher, den längeren Atem.
Christoph Kunz | Matthäus 18, 15-20





