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Mystik: Freiheit im Hineintauchen des Geheimnisses der Liebe

15. April 2026

Beim Studieren und Verinnerlichen mystischer Texte kommt sich Pierre Stutz, ehemaliger Priester und Autor, wie ein Archäologe vor. Er sucht das Ursprüngliche, das Originelle eines mystischen Lebensentwurfes, das sich in der Tiefe neben anderen problematischen Aussagen finden lässt. Mystische Menschen sind alle Kinder ihrer Zeit. Krank machende Gottesbilder, die zu sehr von Schuld, Sühne, Abtötung sprechen, finden sich in mystischen Texten ebenso wie leibfeindliche und weltverneinende Entwürfe. Stutz schreibt davon in seinem neu aufgelegten Buch „geborgen und frei“.

König in der Anstaltskirche der bayerischen JVA Niederschönenfeld. Foto: Michael Barnt

Pierre Stutz schreibt in seinem Vorwort: Wir können und dürfen diese Frömmigkeitswege nicht ohne eine kritische Interpretation übernehmen. Die befreiende Lebensschule Jesu verbietet uns eine religiöse Versklavung. In seinem Mitsein, Lachen, Leiden, Genießen, Sterben und Auferstehen entdecken wir einen leidenschaftlichen Weg, der erfüllt ist von zärtlich-heilenden Begegnungen und Berührungen und zugleich vom Aushalten von Ungewissheit und Schmerz. Mit dem frühchristlichen Theologen und Bischof Irenäus von Lyon bin ich tief überzeugt, dass „Gottes Ehre der lebendige Mensch ist“.

Gott in allen Dingen sehen

Alle Gottesbilder, die eine Konkurrenz und eine Trennung zwischen Gott und Mensch aufrechterhalten wollen, sind ein Verrat an seiner Menschwerdung. Wenn ich mich für ein mystisches Christentum ein- und ihm aussetze, dann setze ich die lebensbejahende Spur frei, die „Gott in allen Dingen sucht“ (Ignatius von Loyola), weil sein heilender Lebensatem in allen Lebensdimensionen freigelegt und gefeiert werden möchte. Alle biblischen und mystischen Texte befrage ich kritisch nach ihrem lebensbejahenden Inhalt. Weil es zur Kernbotschaft Jesu gehört, dass er „Leben in Fülle“ in uns fördert. Es gibt keine objektive Auslegung, die über den Dingen steht. Wir lesen Texte mit unseren subjektiven Erfahrungen und Interessen, die geprägt sind von unserer sozialen Herkunft und unserer Bildung und die zu lange von der Einseitigkeit männlich-patriarchaler Denkmuster beeinflusst worden sind. Verdacht ist immer angebracht, wenn Religion eine Macht über Menschen, besonders über Frauen und Minderheiten ausüben will.

Dorothee Sölle ergänzt in ihrem hervorragenden Buch Mystik und Widerstand (1997) den Verdacht mit einer „Hermeneutik des Hungers“. Vom kritischen Verdacht alleine haben wir noch nicht gelebt, wir hungern nach Brot und Rosen. So lese ich biblisch-mystische Texte mit diesem Hunger nach der einmaligen Würde, nach dem aufrechten Gang, nach dem lebensfördernden Aspekt einer Krisenerfahrung, dem kämpferischen Unterwegssein für gerechtere Strukturen. Ich baue all den lebensfeindlichen Schutt ab, der uns in unmündigen Abhängigkeitsmustern und -strukturen gefangen halten will. Ich suche den vergrabenen Schatz, die versteckte kostbare Perle, die in einem lebensbejahenden Menschen- und Gottesbild aufscheint, das innerlich befreit und zur Zivilcourage ermächtigt.

Beziehungsfeindliche Muster

Ich folge einer lebensfördernden Grundhaltung, die weder aus Beliebigkeit noch aus Bequemlichkeit entsteht, sondern aus dem tiefen Glauben an den lebendigen Gott, der jeden Menschen zu sich selbst befreit. So fühle ich mich zur Geborgenheit in Freiheit bestärkt. Ich kann keinen kleinkarierten Gott lieben, der uns Menschen klein und als Marionetten halten will, um dadurch größer und allmächtiger zu sein. Mystische Menschen durchbrechen diese unterdrückenden und beziehungsfeindlichen Muster, indem sie nebst vielen gelernten, traditionellen Aussagen unermüdlich vom liebenden Beziehungsgeschehen zwischen Gott und Mensch sprechen, vom dialogischen Ereignen Gottes im Seelengrund und in Schöpfung und Kosmos. Der Mystiker David Steindl-Rast spricht mir aus dem Herzen mit der Erkenntnis, dass Jesus uns hautnah erfahren ließ, dass wir nicht mehr von Gott getrennt sind, sondern Gott in unserer Mitte gegenwärtig ist. Bruder David geht auch davon aus, dass wir alle Mystiker sind, weil Mystik für ihn die Erfahrung der Kommunion mit der letzten Wirklichkeit, mit Gott ist. Würden wir die Mystik den Mystikern überlassen, hieße das, die Wurzeln menschlichen Lebens abzuschneiden. In einem mystischen Christentum suchen wir zutiefst persönlich und gemeinschaftlich diese Wurzeln, die immer schon da sind.

Kritisch lesen

Das bedeutet allerdings, dass wir um Gottes willen mystische Frömmigkeitswege nicht einfach so kopieren und übernehmen können. Mystik kann lebensgefährlich sein! Die meisten bekannten Mystikerinnen und Mystiker haben zölibatär gelebt in einem klösterlichen Umfeld. Diese Lebensform, die bis heute sinnvoll ist, darf nicht als Bedingung für intensive Gotteserfahrungen gesehen werden. Der Lebensweg eines mystischen Menschen darf und will nicht kopiert werden, sondern er kann uns inspirieren, wenn wir uralte mystische Lebensgestaltungen kritisch in unsere Zeit hineinlesen. Wir brauchen mystische Menschen, die in verschiedenen Lebensformen, in Partnerschaft und vielfältigen Arbeitsfeldern, im Glück und im Scheitern das Einwohnen Gottes in ihrer Tiefe erahnen und feiern. Wir sind aufgerufen, mitzuvollziehen, was sich in jeder mystischen Biografie als zentraler Befreiungsakt entdecken lässt: der eigenen Intuition und Herzensstimme zu trauen als Akt der Selbstwerdung; die eigene Erfahrung wahrnehmen, die einengende Glaubenswege sprengt, um uns in die Weite und in die Freiheit der Freundinnen und Freunde Gottes verwandeln zu lassen. Eine Freiheit, die sich nur in der Geborgenheit, im Hineintauchen in das Geheimnis der Liebe verwirklichen kann. Jene Momente der Geborgenheit und des Einsseins mit dem Urgrund aller Liebe, die uns beleben und aufrichten zum erfüllten Leben.

Pierre Stutz

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