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Da steht einer auf, der eigentlich schon abgeschlossen hat

20. März 2026

Wie kaputt, wie tot kann man sein? Auf der in Richtung Unterwelt offenen Scala ging es ein paar Stufen abwärts. „Insect Wars“ ist das Stichwort. Die Südedeutsche Zeitung berichtete, das Menschen ihren Lebensunterhalt dadurch verdienen, dass sie in Terrarien giftige Insekten auf kleine Wirbeltiere loslassen. Diese Insekten machen etwas mit den Tieren, auf das nicht mal die normale Natur kommen würde, weil diese Tierarten in der normalen Natur gar nicht aufeinandertreffen: Sie quälen und fressen die Tiere bei lebendigem Leib. Ab damit ins Internet, wo sich wiederum Millionen Menschen das alles reinziehen und die Kasse klingeln lassen…

Menschen können also so tot sein, dass sie stinken, obwohl sie atmen, essen und trinken. Und Menschen könne sterben – und trotzdem nicht aus dem Leben falllen. Die Grenze zwischen Leben und Tod hat nichts mit biologischer Zellteilung zu tun. Darum geht es in der alten biblischen Geschichte vom toten Lazarus, und sie bekommt einen unglaublich mordernen Scoop. Der Mann ist tot. Richtig tot. Kein WLAN, kein Puls, keine To-do-Liste mehr. Jesus hat sogar provozierend lange gewartet, bis er zu dem im Sterben liegenden kommt. Jetzt ist es zu spät. Und zu allem Überfluss beginnt Jesus zu dozieren, als sei das sein Tod eher Ansichtssache.

Tot sein, obwohl man lebt

Man muss sich das einmal klar machen: Während wir heute schon innerlich sterben, wenn eine App drei Sekunden länger lädt als gewöhnlich, steht da einer vor einem Grab und sagt im Grunde: „Das ist noch nicht vorbei.“ Das ist entweder Gottessohns Größenwahn – oder eine ziemlich interessante Perspektive. Der Clou an der Geschichte ist ja nicht, dass da einer wieder lebendig wird. Der Clou ist, dass sie nebenbei eine ziemlich unfreundliche Diagnose stellt: Es gibt offenbar Zustände, die sehen aus wie Leben und sind es nicht. Stichwort „Insect Wars“. Viele weitere Beispiele fallen einem da ein. Tot sein, obwohl man lebt – das ist dieser Zustand, in dem alles irgendwie läuft, aber nichts mehr wirklich berührt. Man steht auf, erledigt Dinge, antwortet auf Nachrichten mit einem Like👍, daddelt sich durch das Internet, und wenn man ehrlich ist, könnte man auch problemlos eine Woche überspringen, ohne dass es einen großen Unterschied machen würde. Aber umgekehrt eben auch: Zustände, die wie tot sind und es genau nicht sind.

Leben lassen, das ist und bleibt lebendig

Ich denke an die Schuldnerberaterin, die ein paar Stunden damit verbracht hat, damit ein zusammengebrochenes Leben wieder glaubt, dass es hinter dem Horizont weiter geht. Lebendig sein hat offenbar weniger mit Vitalwerten zu tun. Sondern mit etwas anderem: „Ich bin die Auferstehung und das Leben“ sagt Jesus ein wenig professoral.“ Wer an mich glaubt, wird leben, auch wenn er stirbt, und jeder, der lebt und an mich glaubt, wird auf ewig nicht sterben.“ Was übersetzt bedeutet: „Ich stehe auf der Seite des Lebendigen, komme, was da wolle. Wer mich in sein Leben lässt, der ist und bleibt selbst lebendig, immer und für immer.“ Eine ziemlich provozierende Idee: Dass Leben dort entsteht, wo Menschen nicht nur um sich selbst kreisen. Wo einer sich ansprechen lässt. Von etwas, das größer ist als die eigene kleine Gedankenschleife, den eigenen gedankenlosen Tunnel. Wo einer sich berühren lässt. Wo einer sagt: „Ich sehe dich, ich achte dich, ich habe Respekt, du gehörst dazu.“ Wo Verbindung ist zwischen allem Lebendigen, damit alles lebendig bleibt. Verbindung mit Gott, der reinen Lebendigkeit.

Und plötzlich geht doch noch etwas

Ein moderner Mensch, der mit Gott und mit allem Lebendigen verbunden ist, wäre dann jemand, der es aushält, nicht das Zentrum des Universums zu sein. Der damit rechnet, dass es so etwas wie Sinn gibt, auch wenn er ihn gerade nicht messen kann. Der sich irritieren lässt – von Schönheit, von Leid, von einem Satz, der plötzlich hängen bleibt. Die Dinge bekommen Gewicht. Oder vielleicht eher: das richtige Gewicht. Das eigene Scheitern ist nicht mehr automatisch ein Weltuntergang. Der Erfolg nicht mehr automatisch ein Beweis für den eigenen Wert. Beides ruckelt sich ein bisschen zurecht. Das ist, wenn ich darüber nachdenke, ziemlich kühn. Vielleicht ist genau das der Moment, in dem Lazarus aus dem Grab kommt, nicht nur damals, sondern immer wieder. Nicht als spektakuläre Zombie-Nummer, sondern als leise Verschiebung: Da steht einer auf, der eigentlich schon abgeschlossen hatte. Mit sich, mit anderen, mit allem. So tot war, dass er gestunken hat. Und plötzlich geht doch noch etwas. Man könnte sagen: Er ist lebendig. „This way or no way / You know, I’ll be free / Just like that bluebird / Now, ain′t that just like me?“ singt David Bowie in dem Song „Lazarus“. Ja, Lazarus, das ist typisch für einen Lebendigen.

Peter Otten | Johannes 11, 1-45

 

1 Rückmeldung

  1. Christoph Kunz sagt:

    Die Lazarus Geschichte für mich zu einem Aufruf geworden, neu nach dem zu schauen, was totgesagt ist in mir selbst: was im Laufe des Lebens unter die Räder des funktionieren Müssens geraten ist, was in der Geschäftigkeit des Alltags verstummt ist oder was in den Ansprüchen, wie Leben zu sein hat, nicht mehr vorkommt. Da ist die Fähigkeit, wie neu auf etwas zu schauen, zu entdecken und sich überraschen zu lassen; was ist mit dieser Fähigkeit im Umgang mit den Menschen, mit denen ich verbunden bin? Ist mein Ansehen dieser Menschen bereits zum festen Bild geworden, das ich mir von ihnen gemacht habe? Und was ist mit dieser Fähigkeit, wie neu auf etwas zu schauen, in mir selbst?

    Bin ich vielleicht selbst fest geworden in Konditionierungen und Gewohnheiten und traue mir einen neuen Anfang kaum zu? Was ist mit der Kraft der Aufmerksamkeit? Bin ich wirklich da in Begegnungen und Gesprächen, oder bin ich innerlich längst unterwegs in den Ansprüchen, was alles sein soll? Da ist auch die Dankbarkeit, wie sehr kann sie noch vorkommen bei so vielen Besorgnissen und Ärgerlichkeiten? Was ist mit der kostbaren Gabe des Mitgefühls? Hat mein angelernter beurteilender Blick auf andere dem Mitgefühl die Sichtweite genommen? Und was ist mit dem Selbstmitgefühl? Kann ich mich gut um mich selbst kümmern in Schmerz und Leid? Nehme ich mir Auszeiten? Gönne ich mir ein Inne-halten im Alltag? Was ist mit meinem Glauben? Halte ich ihn wach, indem ich mich voller Vertrauen in die Ungewissheit des Lebens lasse, oder ist er verdorrt unter festgewordenen Glaubenssätzen? Und nicht zuletzt: was ist mit der Liebe? Wann habe ich mich das letzte Mal verliebt?

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