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Wort Gottes wird inkulturiert und ins Leben übersetzt

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Eine einzigartige Knast-Krippe ist fertiggestellt. Sie ist durch den Künstler Rudi Bannwarth aus Ettlingen bei Karlsruhe über Monate geschaffen worden. Grundlage seiner Arbeit ist die Realität im Jugendknast der ostwestfälischen Justizvollzugsanstalt Herford. Dazu traf er sich mit jugendlichen Inhaftierten hinter den Mauern. Deren Ideen nahm Bannwarth in seinem Schaffen mit auf. Die Realität im Jugendvollzug spiegelt sich wieder in seiner Krippendarstellung.

Es ist keine gewöhnliche Krippendarstellung mit Maria und Josef und dem Jesuskind. Oder doch? Es sind Figuren, die die Botschaft der Geburt Jesu zeigen wollen. Der durch seine sozialkritischen Krippendarstellungen überregional bekannte Bildhauer Rudi Bannwarth aus Ettlingen bei Karlsruhe will die Geschichte der Geburt Jesu nicht nur darstellen. Er will, dass sich die Botschaft der Geburt des göttlichen Kindes in die Kontexte der Lebenswirklichkeiten zeigt und inkulturiert. Mit 15 Jahren begann Bannwarth eine Schreinerlehre, die ihm später als Basis für die Arbeit als Holzbildhauer diente. Anfang der 1990er-Jahre beschloss der 58 jährige sich zum Holzbildhauer weiterzubilden.

Krippenfiguren interpretieren

Nach seiner Meinung verharren Motive und Darstellung zu sehr in der Vergangenheit. Aus diesem Wunsch entstand die Idee, Krippenfiguren modern zu interpretieren. Weihnachten ist im Gefängnis ein schwieriges Fest. Die Inhaftierten spüren besonders, wie sehr ihnen vertraute Menschen fehlen. Krippendarstellung kennen die meisten Inhaftierten nur aus dem Fernsehen. Umso mehr sollen jugendliche Gefangene sehen, dass die biblische Erzählung der Geburt Jesu im Heute wirksam ist. „Die Lebenserfahrungen von damals sind auch heute aktuell“ sagen die Gefängnisseelsorger. „Die ungeklärte Situation des angeblichen Vaters Josef, das Suchen nach einer Herberge und die armen Verhältnisse, in denen sich „das Göttliche“ ereignen soll. Im Kontext des Knastes ist Josef der Großvater für die Inhaftierten, das Jesuskind der jugendliche Inhaftierte und Maria, mit Anfang 40, die Mutter der Gefangenen. Besonders die Großeltern spielen eine wichtige Rolle im Leben der Inhaftierten, manche sind bei ihnen aufgewachsen. Oma und Opa nehmen ihre Enkel trotz vieler Abgründe so an, wie sie sind.

Christusmonogram: JHS – Wanted

Jesus als derjenige, der mit Verbrechern zu Abend aß, der die Ehebrecherin nicht verurteilte und der mit den frommen Schriftgelehrten Streitgespräche führte. Jesus wurde als Verbrecher von den Römern hingerichtet. Die Zeichnung im Hintergrund des dargestellten Haftraumes zeigt ein Fahndungsplakat. Ob dies eher zufällig entstanden ist? IHS (oder JHS) als Kurzform des Namens Jesus kann man in Bibeln des Mittelalters oder als Ornament an Kirchen und auf Paramenten finden. Für jugendliche Inhaftierte ist dies keine verständliche Sprache. Das Wort Gottes muss inkulturiert und in Lebensaktualität übersetzt werden. Im Jugendgefängnis gibt es oftmals auch Kurzformeln für bestimmte Dinge und Ereignisse. Diese stehen für in- und offizielle Regeln. Klick auf das Bild startet Video:

Großvater als Josef

Mutter als Maria

Gefangener als Jesuskind

Die Krippen-Kulisse

Knacki als Engel


Alles andere als Engel

All dies finden die BetrachterInnen der Knast-Krippe. Die Wirklichkeit mit den vergitterten Fenstern, den Haftraumtüren und dem Knastbett. Ein Engel stürmt herbei. Ein jugendlicher Arbeiter mit Sonnenbrille. Typisch für manche der Jugendlichen. Sie wollen im Knast und draußen cool sein. Im Jugendvollzug sind jugendliche und junge Menschen inhaftiert, die Schuld auf sich geladen haben. Sie wurden für eine Gefängnisstrafe verurteilt. Alles andere als Engel, mag so mancher sagen. Doch die jungen Menschen haben eine lange Geschichte hinter sich. Auch wenn sie sich strafbar gemacht haben, ist ein guter Kern in einem jeden von ihnen, ist die Möglichkeit da, das Leben hoffnungsvoll neu zu gestalten. Besondern im Jugendvollzug steht Resozialisierung an erster Stelle. Nach und nach sollen neue Figuren zur Krippen-Kulisse dazukommen: Ein Bediensteter, kartenspielende Jungs auf einer Bank im Freistundenhof und natürlich Ochs und Esel. Der Stern von Bethlehem schlägt in die Kulisse des Haftraums und des Knastes ein. Weihnachten will so gar nicht zum Gefängnis passen und doch ist es für viele ein Fest ihrer Hoffnung und Sehnsucht auf Neubeginn. Ein göttlicher Zuspruch hautnah und aktuell.

Michael King | Titelfoto: Andrea Fabry

Projektförderer

Bonifatiuswerk Paderborn | Lions Club Bünde | Evangelische Stiftung für Soziales und Bildung „meilenstein“ des Kirchenkreises Herford | Sparkasse Herford | Volksbank Herford-Mindner Land e.G. | Evangelisch-Lutherische Marienkirche Stiftberg | Verein für Gefangenenseelsorge Herford e.V. | Erzbistum Paderborn | Evangelisch-Lutherische Kirchengemeinde Rahden

 

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