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Zwischen Leid und Leben in der SV Dietz

Wenn der Weckruf “Guten Morgen” erklingt, antwortet Mancher mit “Verpiss dich, du Nazi”. Jörg nicht. Der komplett tätowierte Saarländer antwortet ebenfalls: “Guten Morgen.” Weckruf? Hier heißt es Lebendkontrolle. Sichergehen, dass keiner der Insassen über Nacht verstorben ist. Standardvorgehen in der Sicherungsverwahrung der JVA Diez. Sicherungsverwahrung, das ist juristisch keine Strafe; die Höchststrafe im Strafgesetzbuch lautet “lebenslange Freiheitsstrafe”, mindestens 15 Jahre. Wer anschließend noch in Sicherungsverwahrung – im Jargon kurz SV – kommt, hat seine Strafe schon verbüßt.

Der Gedanke dahinter: Die Öffentlichkeit vor potentiell gefährlichen Straftätern schützen. Die Unterbringung in der Sicherungsverwahrung wird von deutschen Gerichten nicht leichtfertig angeordnet. Experten prüfen regelmäßig, ob noch eine Gefahr besteht. Sonst muss die Sicherheitsverwahrung beendet werden. In der SV “Untergebrachte” – so heißt es juristisch – haben größere Freiheiten als andere Inhaftierte. Sie tragen private Kleidung, dürfen ihren Haftraum individueller gestalten, mehr Besuch erhalten und unter Aufsicht öfter selbst raus.

Das Dunkle ins Leben integrieren

Im dritten Stock des “SV-Gebäudes” gibt es eine Tür, die aussieht wie jede andere hier. Graues, massives Metall, ein kleines Feld für den elektronischen Schlüssel. Dahinter ist der Raum allerdings ganz anders. Dreizehn Hocker, ein Altar, Ambo, Kreuz und Bilder an den Wänden. Durch ein buntes Glasfenster dringt farbiges Licht herein. Dies ist die ökumenische Kapelle der SV-Abteilung. Seit dem Frühjahr 2014 ist der Raum eröffnet, im Februar 2015 wurde das Fenster des Künstlers Thomas Kruck aus Hadamar angebracht. Andere Teile wurden von Untergebrachten angefertigt: Die Möbel in der Schreinerei, die Bilder im Kunstraum. Der Raum ist jetzt komplett. Altaruntersatz, Füße der Hocker, Kerzenständer und Kreuzsockel in der Kapelle sind aus hellem Holz, eben nicht dunkel. Ein Zeichen, dass es möglich ist, sein Leben auf eine neue Ebene zu heben – das Dunkle, das sich nicht auslöschen lässt, so ins Leben zu integrieren, dass Leben gelingen kann.

Auch Jörg hat bei der Ausstattung geholfen. Der 47-Jährige hat, mit anderen Untergebrachten, den Kreuzweg an den Wänden mitgestaltet – gemeinsam mit der Künstlerin Renate Kuby. Die Bilder sind nicht auf Leinwand entstanden, sondern auf den Treppenstufen der Anstalt, die 2011 ausgewechselt wurden. Stufen, über das Menschen ihr persönliches Kreuz getragen haben. Die ausgetretenen Kanten sind deutlich sichtbar.

Vielfache Deutung erleichtert Zugang

Natürlich steht ein theologisches Konzept hinter der gestalteten Kapelle. Das bunte Fenster lässt mehrere Deutungen zu. Zum einen könnte es die Weisung an Mose symbolisieren – als Spannung zwischen Freiheit und der Unfreiheit in der Verwahrung. Allerdings ist das Fenster – ohne Gitterstäbe, wie alle Fenster im Obergeschoss – auch undurchsichtig. Es hält die Spannung zwischen draußen und drinnen. Ist es geöffnet, ist der Zellenblock zu sehen. Nur zwei von vielen möglichen Deutungen. Jeder Untergebrachte kann sich seine eigenen Gedanken hierzu machen.

Auch der Kreuzweg ist nicht klassisch, sondern frei interpretiert. “Ich bin kein gelernter Maler, deswegen ist das vielleicht nicht besonders kunstvoll. Aber es ist unser eigener Kreuzweg”, betont Jörg stolz. Er hat unter anderem das “Leben in Freiheit” gemalt. Man sieht bunte Gestalten vor einem blauen und grünen Hintergrund – Erde und Himmel. Dass das Bild nicht von einem professionellen Künstler ist, sieht man als Laie nicht.

Sinnfrage führt zwangsläufig zu Gott

Wer ehrlich zu sich selbst ist, der stellt sich auch die Frage nach dem Sinn – und wer nach dem Sinn fragt, der käme automatisch auch zu Gott, glaubt Jörg. “In der Haft vereinzelt man, verbittert”, sagt er. “Viele, die hier sind, haben noch nie gute Erfahrungen mit Menschen gemacht, waren lange Zeit in Haft und anschließend in Sicherungsverwahrung. Es gibt viel Streit, viel Neid hier. Man kapselt sich ab.” Zwar dürften die Untergebrachten mehr Besuch empfangen als andere Inhaftierte, kaum jemand bekommt aber welchen. Wo noch Familienmitglieder da sind, haben sie sich oftmals distanziert. Noch mehr Frust und Verbitterung sind die Folgen. Die Kapelle ist die Antwort auf diese Verbitterung: Seine Probleme vor Gott bringen, Neues in der Unterbringung wachsen lassen – und so die Zeit in der Verwahrung konstruktiv zu nutzen. Regelmäßig ist hier das Abendgebet mit Gefängnisseelsorger Manfred Jarmer. Auch ein Beitrag zur Resozialisierung.

Briefkontakt und Besuche

Seit 2002 ist Jörg in Haft – “dieses Mal”, sagt er. Er wurde verurteilt, saß seine Strafe ab, anschließend: Sicherungsverwahrung. Zuerst im Saarland, seit 2010 in Diez. “Ich habe nur noch meine Mutter, sonst niemanden mehr.” Er ist einsam, malt, spielt Gitarre und pflegt einen kleinen Gemüsegarten im Hof des Blocks. “Vom Fernseher und der Playstation habe ich die Schnauze voll. Das brauche ich nicht. Ich habe meinen Garten, die Gitarre, Gott.”
Mit den Limburger Domschwestern steht Jörg in Briefkontakt, sie besuchen ihn regelmäßig. Und auch er nutzt seine vier Ausführungen pro Jahr für Gegenbesuche bei den Schwestern oder im Limburger Dom: “Früher hatte ich nie was mit Kirche zu tun. Jetzt ist das anders. In meinem Zimmer habe ich mir einen Schrein aufgestellt, mit kleinen Ikonen, die ich von den Schwestern bekommen habe.” (hm)

Bistum Limburg | Pastoral vernetzt

 

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