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Mediation im Strafvollzug: PeerMediation hinter Gittern

Mittwoch, 20. Juli 2022, 9:00 - 17:00 CEST

Die Stiftung Deutsche Stiftung „Mediation“ in Kooperation mit der baden-württembergischen Seehaus Akademie in Leonberg bietet eine Fachtagung mit dem zentralen Thema: Mediation im Strafvollzug, insbesondere zum in Berlin bereits erprobten Projekt – PeerMediation hinter Gittern – für MitarbeiterInnen und Tätige im Strafvollzug an.

Fachtagung „PeerMediation“

In der Jugendstrafanstalt (JSA) Berlin befinden sich ca. 300 jugendliche Inhaftierte. Sie sind zwischen 14 und 24 Jahre alt. Das Bildungs- und Sprachniveau der Inhaftierten ist sehr unterschiedlich und eher niedrig. Interessierte Inhaftierte können an einer 20-wöchigen internen Mediationsausbildung teilnehmen. Parallel finden stetig drei Ausbildungskurse (je 2 Stunden pro Woche) statt. Nach erfolgreich abgelegter schriftlicher und mündlicher Prüfung sowie Feststellung der charakterlichen Eignung bearbeiten die ausgebildeten Inhaftierten als „PeerMediatoren“ Konflikte zwischen Insassen in einem Mediationsverfahren. Die Mediationen (in der Regel wird eine Mediationssitzung abgehalten) werden von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Jugendstrafanstalt unterstützend begleitet.

Mediationsverfahren

Zum erfolgreichen Abschluss ihrer Ausbildung erhalten die Teilnehmer ein PeerMediatoren-T-Shirt, welches sich bei ihnen, die ansonsten Anstaltskleidung tragen müssen, großer Beliebtheit erfreut. Das T-Shirt ist ein Statement für gewaltfreie Konfliktlösung und macht die PeerMediatoren im vollzuglichen Alltag für alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sicht- und ansprechbar. Robert Glunz hatte die Gelegenheit, an einer Unterrichtseinheit teilzunehmen. Sieben Inhaftierte waren Teilnehmer dieser Einheit. Es wurden zunächst einige Punkte (Regeln, Prinzipien, Phasen) aus vorangegangenen Unterrichtsstunden wiederholt. Danach mussten die Teilnehmer verschiedene Situationen in Bezug auf ihre Eignung für ein Mediationsverfahren beurteilen. Anschließend wurden anhand von Bildmaterial die Eskalationsstufen von Glasl vorgestellt. Die Teilnehmer machten einen sehr motivierten Eindruck. Auf die Frage „Warum nehmen Sie an dieser Ausbildung teil?“ wurden unterschiedliche Antworten gegeben.

Interview

Wie ist die Idee zu dem Projekt „PeerMediation“ entstanden?

Die Idee ist aufgrund meiner eigenen Mediationsausbildung entstanden. Einerseits wollte ich anwenden und bewahren, was ich erlernt habe, andererseits dachte ich, die Mediation hat recht viel mit dem zu tun, was im Vollzug passiert, und dass es optimal wäre, wenn wir das für die Entwicklung einer konstruktiven Konfliktkultur nutzen könnten. 2003 habe ich die erste Mediationsausbildung mit zwei Honorarkräften im Rahmen eines EU-Projektes modellhaft erprobt. Das war erfolgreich und hat den Jugendlichen auch viel Spaß gemacht. Wenig später kam Hartwig Taege zu unserem Team dazu und es gelang uns, regelmäßige Mediationsausbildungen für die Jugendlichen anzubieten: ein zweistündiges Treffen pro Woche und drei Ausbildungsrunden parallel.

Im Prinzip geht es darum, dass die Jugendlichen am Vollzugsgeschehen immer mehr partizipieren sollen, also auch daran, wie sie ihre eigenen Konflikte lösen. Das Projekt PeerMediation hinter Gittern geht davon aus, dass eine ganzheitliche Gewaltprävention im Strafvollzug nur dann funktioniert, wenn die Jugendlichen die Möglichkeit haben, die Kommunikations- und Konfliktkultur aktiv mitzugestalten und selbstbestimmte Lösungsszenarien zu entwickeln. Die Idee ist also, dass die Konfliktparteien selbst eine Lösung finden, wie sie in Zukunft besser miteinander klarkommen, ohne dass man unbedingt eine Strafe verhängen muss.

Welche Ziele hat das Projekt „PeerMediation hinter Gittern“?

Auf der Ebene der Institutionen hat es eine Veränderung der Konfliktkultur und dem Umgang mit Konflikten zum Ziel. Auf Ebene der Inhaftierten ist ein Ziel, die Fähigkeit zu vermitteln, Konflikte selber in die Hand zu nehmen und auch selbstständig zu lösen. Es geht darum, neue Konzepte, neue Strategien im Umgang mit Konflikten zu entwickeln. Das alles kann man unter den großen Begriff „soziale Kompetenzentwicklung“ fassen. Die Inhaftierten sollen auch Strategien lernen, um Konflikten möglicherweise aus dem Weg zu gehen oder zu vermeiden. Sie sollen relativ frühzeitig merken, an welchem Punkt sie aus einer konfliktträchtigen Handlungskette aussteigen können und wo sie – ohne das Gesicht zu verlieren – noch einmal einen Schritt zurückgehen können. Da muss man einschätzen können, in welcher Phase des Konfliktes man sich gerade bewegt, in der man noch ohne Gesichtsverlust die Szene wieder verlassen kann. Die Teilnehmer sollen dafür sensibilisiert werden, was konfliktreiche Situationen sind und woraus sich konfliktreiche Situationen entwickeln können.

Im aktuellen Berliner Jugendstrafvollzugsgesetz gibt es den Paragraphen 96 ‚Einvernehmliche Konfliktregelung und erzieherische Maßnahmen‘. Dort steht unter Pkt. 2 „Im Rahmen der einvernehmlichen Konfliktregelung … ist auch die Teilnahme an einer Mediation in Betracht zu ziehen“. Das ist für uns ein sehr positives Zeichen, dass tatsächlich die Mediation, die bis dato nicht im Gesetz mitenthalten war, in der neuen Fassung von 2016 namentlich benannt wird. Das ist sicherlich auch auf das Engagement von Herrn Luxa, dem ehemaligen Leiter dieser Anstalt, zurückzuführen, der sich die Verankerung der PeerMediation im Justizvollzugsalltag auf die Fahne geschrieben hat.

Welche Unterstützung braucht so ein Projekt aus Ihrer Sicht intern?

Um eine konstruktive Konfliktkultur zu entwickeln, ist die Unterstützung auf unterschiedlichsten Ebenen in einer Justizvollzugsanstalt notwendig. Es ist einfach sehr wichtig, dem Ganzen einen Rahmen zu geben. Das ist das Plus des Projektes PeerMediation hinter Gittern. 2013 habe ich die AG „PeerMediation“ ins Leben gerufen; das ist eine Gruppe von Unterstützern aus dem Allgemeinen Vollzugsdienst, dem Werksdienst und dem Sozialdienst, d. h., dieses Projekt wird von Kolleginnen und Kollegen mitgetragen , die in den Unterbringungsbereichen und Werkstätten arbeiten und die den Inhaftierten ein Feedback geben können, wenn sie aus der Mediationsausbildung zurückkommen und etwas Neues ausprobieren wollen. Die Verhaltensweisen, die wir versuchen bei ihnen zu etablieren, sind ja erst einmal neu für sie. Sie probieren diese dann aus, und in der Regel werden sie damit nicht auf Anhieb erfolgreich sein. Die Kolleginnen und Kollegen vor Ort können die Jugendlichen dann auffangen oder die Situation gemeinsam auswerten. Es ist aber auch wichtig, dass die Anstaltsleitung und die Vollzugsleitung das Projekt unterstützen. Sie können viele Akzente und Impulse setzen, Anregungen geben. So werden z. B. alle dienstliche Meldungen auf Leitungsebene diskutiert, und hier besteht die Möglichkeit zu sagen: „Wir empfehlen eine PeerMediation.“ Es ist wichtig, dass der Prozess top down und bottom up, also von der Leitungsebene und von den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern getragen wird und er sich dann irgendwo auf der Mitte trifft. Nur so kann ein Projekt im Alltag dauerhaft verankert und implementiert werden.

Gibt es so eine Art Lobby für dieses Thema? Sie erwähnten schon die Anstaltsleitung. Vielleicht gibt es da noch mehr, die das auch irgendwie unterstützen, mehr auch symbolisch.

Diese Arbeitsgruppe „PeerMediation hinter Gittern“ ist unsere wichtigste Lobby, weil das die Menschen sind, die im Alltag mit den Inhaftierten umgehen und den Gedanken der konstruktiven Konfliktlösung auch weitertragen oder positiv verstärken können. So ein Projekt hat vor allem dann Erfolg, wenn es uns gelingt, eine neue Kultur im Umgang mit Konflikten zu etablieren. Wir können den Jugendlichen viel beibringen, doch sie müssen im Alltag auch unterstützt werden, Konflikte einfach mal anders anzugehen. Ein Jugendlicher lernt bei uns zum Beispiel etwas und geht dann in seine Wohngruppe oder an seinen Arbeitsplatz. Da kommt dann ein anderer Inhaftierte auf ihn zu und will Stress mit ihm. Wenn ein Bediensteter, der bei uns in der Unterstützergruppe ist oder die Idee der Mediation kennt, in der Nähe ist, kann der ihn ganz anders in seinem Verhalten wahrnehmen und unterstützen.

Wie lange dauert es, so eine Konfliktkultur in so einer Organisation wie dieser hier zu etablieren? So eine Organisationsentwicklung dauert in Unternehmen ja auch Jahre.

Wir haben 2006 die ersten Versuche gestartet, eine PeerMediations-Ausbildung im Vollzug durchzuführen. 2007 war dann diese Ausbildung regelhaft, und bis 2017 kamen viele wertvolle Schritte auf dem Weg zur konstruktiven Konfliktkultur hinzu wie z. B. eine Dienstanweisung, die offiziell regelt, wann eine PeerMediation durchgeführt werden soll und wie das Prozedere ist. Außerdem haben wir ein Formular im Intranet, mit dem eine PeerMediation beantragt werden kann. Viele dieser Erfolge wurden erst möglich, als sich die AG PeerMediation gegründet hat und sich die Kolleginnen und Kollegen seitdem aktiv einbringen, um den Mediationsgedanken hochzuhalten. Sicherlich sind 10 Jahre eine lange Zeit, aber wir haben seitdem viele Erfahrungen gesammelt, mussten aber auch das ein oder andere Mal Lehrgeld bezahlen. Wir hatten keine Vorbilder und mussten das Rad wirklich neu erfinden. Jetzt könnten andere Haftanstalten von unseren Erfahrungen profitieren, wenn sie selbst die PeerMediation einführen möchten.

Von vielen Gefängnissen weiß ich nicht, dass diese ähnliche Projekte umsetzen, zumindest nicht in der Vielfalt. Wir haben das Projekt mittlerweile in unterschiedlichen Zusammenhängen vorgestellt; das Interesse war jedes Mal sehr groß. Aber natürlich gibt es dann die Sorge, dass die PeerMediation nicht von heute auf morgen funktioniert, dass so ein Projekt mit viel Engagement verbunden ist, mit viel Zeit. Wir haben letztendlich fast 10 Jahre gebraucht, bis das wirklich an dem Punkt ist, wo wir jetzt stehen. Es ist eben auch immer von den Personen abhängig, die diese Idee tragen.

Programm

Welche Inhalte vermitteln Sie, und wie ist die Ausbildung grob gegliedert?

Wir orientieren uns an unserem Skript bzw. Curriculum, das wir selbst erstellt haben und stetig weiter entwickeln. Im Prinzip entsprechen die Inhalte dem, was auch im Rahmen der Streitschlichterausbildung in Schulen vermittelt wird. Wir fangen an mit Glasl und den Eskalationsstufen, wir behandeln das Kommunikationsmodell, das Eisbergmodell des Konfliktes (Was ist sichtbar, und was liegt unterhalb der Wasseroberfläche an Bedürfnissen, Gefühlen, Werten und Einstellungen?), die Bedürfnispyramide und das Vier-Ohren-Modell von Schulz von Thun. Das Ganze wird ergänzt durch viele Rollenspiele zur Festigung und Vertiefung. Die Ausbildung besteht immer aus einem Dreiklang. Wir beginnen mit einem Warm-up, also einer Übung, an der wir bestimmte Dinge plastisch darstellen möchten, die später theoretisch erklärt werden. Wir lassen z. B. zwei Teilnehmer Rücken an Rücken aus Legosteinen eine Figur bauen. Beide haben die gleichen Legosteine zur Verfügung. Der eine baut eine Figur und erklärt dem anderen, was er gerade tut. Nachher müssen zwei gleiche Gebäude oder Gebilde entstanden sein. Daran versuchen wir zu erklären, wie Kommunikation funktioniert, was wir brauchen, um einander zu verstehen. Das ist immer der Opener. Dann gibt es einen kleinen Theorie-Input, in dem wir ein Modell erklären, das wir anschließend zusammen mit den Insassen praktisch erarbeiten. Zusätzlich gibt es die Rollenspiele, in denen alles, was sie gerade gelernt

Wie gestaltet sich die mündliche Prüfung?

Die mündliche Prüfung ist ein Rollenspiel, das sie in den letzten 20 Wochen immer wieder geübt haben. Das heißt, es findet eine 20-minütige Mediation statt, in der die Trainer die beiden streitenden Parteien sind, und die beiden zu prüfenden Insassen die Mediatoren. Die Prüfungssituation dauert 20 Minuten, völlig egal, welche Phase der Mediation die Mediatoren bis dahin erreicht haben. Aber in diesen 20 Minuten müssen die TrainerInnen den klaren Eindruck haben, dass das eine Leistung war, mit der man in eine reale Mediation gehen kann. Also, dass sie eine mediative Haltung einnehmen können, dass sie allparteilich bleiben und die Elemente der einzelnen Phasen alle auf dem Schirm haben.

Die Teilnehmerakquise ist sehr unterschiedlich. Alle Inhaftierten müssen einen so genannten „Vormelder“ schreiben. Das ist ein Formular, in dem sie ihren Namen, ihre Motivation und ihre bisherigen Erfahrungen bzw. Eignung für die Mediation darstellen. Außerdem gibt es am Ende noch ein Feld, in dem die Gruppenbetreuer – das sind die Beamtinnen und Beamten auf der Wohngruppe und die zuständigen Gruppenleiterinnen und Gruppenleiter eine kurze Einschätzung zum Inhaftierten und dessen Eignung abgeben können. Mit allen interessierten Jugendlichen machen wir ein Vorgespräch, in dem sich zeigt, ob das Interesse und die Motivation des Inhaftierten ausreichen, um eine Ausbildung durchzuhalten.

Deutsche Stiftung Mediation

 

Details

Datum:
Mittwoch, 20. Juli 2022
Zeit:
9:00 - 17:00 CEST
Veranstaltungskategorie:

Veranstalter

Deutsche Stiftung Mediation
Telefon:
+49 89 / 60013988
E-Mail:
https://stiftung-mediation.de

Weitere Angaben

Hinweise
40 Euro Tagungsgebühr

Veranstaltungsort

Leonberg
Seehaus Akademie Glemseck 1
Leonberg, Baden-Württemberg 71229 Deutschland
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