AndersOrt

Weshalb sind Sie hier?

16. Februar 2022

Sehr geehrte/r LeserIn,


vor einigen Tagen musste ich für eine Operation in die Klinik. Freiwillig, weil ich davon ausgehe, dass mir hier geholfen wird. All diese Systeme wie Klinik, Kirche oder Knast haben im Kern ähnliche Ziele. Sie wollen etwas Gutes für den Menschen bewirken. Dem steht nichts entgegen. Ist man allerdings in einem der Systeme drin und man möchte wieder heraus, sind die Wege nicht so einfach. Die erste Frage eines Mitpatienten in der Klinik lautete: „Weshalb sind Sie hier?“ Ist das nur eine Kontaktaufnahme oder Neugierde? Im Knast begegnet mir diese Frage auf Schritt und Tritt. Weshalb bin ich hier? Im Grund eine tiefgründige Frage. Wozu bin ich in dieses Leben gestellt? Um Systeme zu stabilisieren oder mein Eigenes zu finden und zu leben?

Unangenehme Fragen stellen

Systeme bergen die Gefahr, dass man darin ein NIEMAND wird. Die Abläufe können zur Routine werden. Am Beispiel der Klinik bin ich Patient und ich muss ertragen, dass morgens um 6.30 Uhr mein Blutdruck und meine Temperatur gemessen werden und die Raumpflegerin um mein Bett herumtanzt. Ob das um diese Zeit sinnvoll ist oder nicht. Das wird nicht in Frage gestellt. Ich denke, wir sollten nie aufgeben Fragen zu stellen, besonders auch, wenn sie unangenehm sind. Könnte dies festgefahrene Systeme verändern? Manches Mal muss ich mir eingestehen, dass ich mich für eine gewisse Zeit in solch einem System wohlfühlen kann.

Systeme für Menschen da

Im Gefängnis trifft dies oft für manche Inhaftierten zu. Ich überlasse den Tagesablauf dem System. Irgendwann wird es zu eng. Ähnlich in der Klinik: Ich möchte entlassen werden, in Freiheit und ungezwungen mein Leben gestalten. Systeme sollten für den Menschen da sein, leider haben sich die meisten gegenteilig entwickelt.
Achtsam offen sein für das Eigene und das, was im Leben steckt, das wünsche ich Ihnen!

Michael King

Gefängnisseelsorger JVA Herford
Redakteur Website + AndersOrt

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